Archiv Sendung vom 20.04.2010
«Literaturclub» - Diesmal zum Thema: Auf der Suche nach dem Ich
Die im letzten Jahr entdeckten, unbekannten Entwürfe für ein drittes Tagebuch von Max Frisch gelten als literarische Sensation. Und doch ist ihre Veröffentlichung umstritten: Wollte Frisch etwa gar nicht, dass dieses Typoskript in Buchform erscheint? Worin liegt die Qualität dieser Augenblicksnotizen? Im «Literaturclub» gibt der Herausgeber und Literaturwissenschaftler Peter von Matt Antwort.
Und er diskutiert mit der Kritikerrunde über die Frühjahrsbücher der Sendung: die fiktive Autobiographie «Sommer des Lebens» von J.M. Coetzee, «Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern» - Kurzgeschichten von Annette Pehnt. Und zum 100. Todesjahr von Mark Twain: die Neuübersetzung von «Tom Sawyer & Huckleberry Finn». Der «Literaturclub» macht Lust auf Lesen - neu im Papiersaal in Zürich.
Diesmal in der Kritikerrunde: Stefan Zweifel und Barbara Villiger Heilig.
Moderation: Iris Radisch
Ausstrahlungsdaten:
Dienstag, 20. April um 22.20 Uhr auf SF 1
Mittwoch, 21. April um 04.05 Uhr auf SF1
Samstag, 24. April um 14.05 Uhr auf SF1
Mittwoch, 21. April um 11.00 Uhr auf SF info
Donnerstag, 22. April um 12.45 Uhr auf SF info
Sonntag, 9. Mai um 10.45 Uhr auf 3sat
Tickets für die Aufzeichnung können Sie hier bestellen.
«Entwürfe zu einem dritten Tagebuch» von Max Frisch
«Hänge ich am Leben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?» Als Max Frisch dies in seine Entwürfe für ein Tagebuch 3 notierte, lebte er gerade in New York. Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin Alice Locke-Carey, bekannt als «Lynn» aus der Erzählung «Montauk». Das war im Frühjahr 1982.
Augenblicksnotizen aus den Jahren 1982/1983: Die USA und die Schweiz, die Reagan-Administration und das belastete Verhältnis zu der um vieles jüngeren Frau, der Kalte Krieg und der Krebstod eines engen Freundes. 184 Seiten, von Frisch auf Tonband diktiert, von seiner Sekretärin in die Maschine getippt. Ein literarisches Fundstück.
www.suhrkamp.de
«Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern» von Annette Pehnt
In sechs Erzählungen richtet Annette Pehnt («Mobbing») ihren Blick auf kurze Momente grosser Intensität: Da ist die verzweifelt fantasievolle Zugbegleiterin, die sich wünscht, neben ihren Reisenden einzuschlafen. Da ist die vermeintlich glückliche junge Frau, die von der Feststellung einer alten Chinesin verblüfft wird: «Ihre Schönheit schlummert in Ihrem Gesicht. Sie haben nur vergessen, wo sie ist.» Oder die Verzagtheit zweier Kinder, deren Mutter eines Tages einfach ins Krankenhaus verschwindet. Ob alles wieder gut wird?– Trauer, Liebe, Schmerz und Nähe: das Leben - ein Ausnahmezustand.
www.piper-verlag.de
«Sommer des Lebens » von J.M. Coetzee
Mit «Sommer des Lebens» gewährt der Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee Einblick in seine entscheidenden Lehrjahre als Schriftsteller. Aus Amerika zurückgekehrt, tuscheln die Verwandten hinter seinem Rücken: warum lebt er nur wieder hier in Südafrika bei seinem Vater und betoniert den Hof? Den Kopf voller Bücher und wilden Plänen, eine akademische Karriere, die nicht ins Laufen kommt, eine verheiratete Frau, die von dem rätselhaften Langhaarigen fasziniert ist, schliesslich Cousine Margot und ein missglückter Ausflug in die Steppe. Dabei dreht Coetzee die Erzählperspektive um: nicht er schildert die Geschichte, sondern ein junger Autor, der ihn nie kennengelernt hat, aber nun an Coetzees Biografie schreibt.
www.fischerverlage.de
«Tom Sawyer & Huckleberry Finn» von Mark Twain
Flossfahrten und Feuermachen, Ertrinken und Auferstehung, rauhe Sitten und feine Zwischentöne: konzipiert waren Tom Sawyers Abenteuer als Gegenbild zu den erbaulichen Kinderbüchern der damaligen Zeit. Heute ist es ein Stück grosser Romanliteratur. Zum 100. Todesjahr von Mark Twain ist nun eine Neuübersetzung erschienen, die den vielen Figuren eine eigene, ungekünstelte Sprache gibt.
Anlass für den «Literaturclub», einen Klassiker der Weltliteratur neu zu würdigen. Mit einer Hörprobe – live im Papiersaal. Es liest der bekannte Schweizer Schauspieler Andreas Matti.
www.hanser.de
Gast: Peter von Matt
Ob Intrigen, missratene Töchter oder die tintenblauen Eidgenossen - mit seinen literaturwissenschaftlichen Werken begeistert der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt Publikum und Kritiker. Nun ist ihm erneut ein Coup gelungen: von Matt hat das bisher unbekannte «Tagebuch 3» von Max Frisch herausgegeben. Eine kleine, literarische Sensation. Dennoch ist die Veröffentlichung dieser «Augenblicksnotizen» nicht unumstritten: es ist unklar, ob Frisch selber die Veröffentlichung überhaupt wollte.
Im «Literaturclub» gibt Peter von Matt Einblick in die Welt von Max Frisch und nimmt Stellung zur Kontroverse. Und natürlich hat er vom Kritikerteam auch ganz schön was zu lesen bekommen: er diskutiert mit, über die Frühjahrsbücher der Sendung.
Leseempfehlungen
Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch – Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann, Suhrkamp Verlag (Iris Radisch)
Patrick Modiano: Place Etoile, Hanser, und L’Horizon, Ed. Gallimard (Stefan Zweifel)
Fabio Pusterla: Zur Verteidigung der Schule. 37 kurze Geschichten eines Lehrers, Limmat Verlag (Barbara Villiger Heilig)
Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins Reise und Gib ihm Sprache. Leben und Tod des Dichters Äsop, beides Rowohlt (Peter von Matt)
Mit wem schlafen Sie? - Bettlektüretipps von Beni Thurnheer
Unglaublich, aber wahr - er liest soviel, wie er redet: der Schweizer Sport- und Show-Moderator Bernard Thurnheer. Im «Literaturclub» erzählt er, was er gerade liest und warum:
Martin Suter: Der Koch (Diogenes)
Eckhard von Hirschhausen: Glück kommt selten allein (Rowohlt)
John Grisham: Der Anwalt (Heyne)
Gebrauchsanweisung für Südafrika (Piper)
Der Fischer Weltalmanach 2010















