Charles Dickens: Grosse Erwartungen
Buchtipp extra
Charles Dickens: Grosse Erwartungen
Das ist der grosse Roman im Dickens Jahr 2012. Noch einmal erzählt Charles Dickens alle seine grossen Themen. Das Meisterwerk.
Eine waghalsige Konstruktion. Es geht um den einen bestimmten Moment in diesem grossen Roman des grossen Viktorianers Charles Dickens, um den einen, alles entscheidenden Moment. Um den einen Punkt im Fluss der Zeit, den einen Augenblick reinen Zufalls, der über ein ganzes Leben entscheiden wird.
Die Begegnung
Philip Pirrip, kurz Pip, der mittellose Waisenjunge, aus dem Haus des Schmieds im nebligen Marschland nahe der Themse Mündung , erlebt so einen Augenblick. Auf dem Friedhof seines Wohnortes trifft er auf einen entflohenen Sträfling des nahen Gefängnisses. Sein Wunsch: Etwas zu Essen und eine Feile für die eisernen Fussfesseln. Pip zögert nicht. Er gehorcht. Er gehorcht aus Angst und wohl auch ein wenig aus Neugier. Der Gefangene entkommt: Cut.
„Grosse Erwartungen“ ist verfilmt worden. Immer wieder seit Erscheinen des Romans 1861. Hollywood ist mehrfach dabei und auch die BBC. Aber immer wieder ist es diese Eingangssequenz, die fasziniert und das ganze Szenario aufreisst: Das hohe Gras der Marschlandschaft, der Junge auf der Flucht, der Sträfling ...
Das Geld
„Grosse Erwartungen“ ist dabei eine schamhaft, charmante Umschreibung. Geld ist gemeint, Besitz, ein Vermögen. Pip bekommt es plötzlich und unerwartet. Der Arme wird reich und das ändert alles. Er bekommt nichts weniger geschenkt als ein ganz neues Leben. Sein Leben als Gentleman. Der Notar hat Dokumente und die erlauben keine Zweifel: Pip ist Erbe. Ein grosses Vermögen ist ihm in Aussicht gestellt, tatsächlich, aber der Stifter bleibt unbekannt. Er wird es lange bleiben.
Lebenstext
„Grosse Erwartungen“ ist auch ein Stück Dickens Autobiographie. Als Junge geht sein Blick aus dem Dachfenster genau auf den Friedhof und die Landschaft an der Themse, die der Roman beschreibt. Auf dem Fluss liegen die Schiffe mit Strafgefangenen vor Anker. Die Dunkelheit. Der Nebel. Dickens schuftet in der Schuhcreme-Fabrik, der Vater sitzt im Schuldgefängnis.
Pips Aufstieg in der Gesellschaft ähnelt seinem eigenen. Und auch das Thema, das ihn begleitet, gehört ganz zu ihm: es ist die Schuld, tatsächliche oder eingebildete. Pip fühlt sich schuldig am Tod der Eltern, schuldig, weil er allen verschweigt, dass er dem Gefangenen geholfen hat, schuldig, weil er mit allen und allem bricht, was zu seiner Vergangenheit gehört. In der Liaison mit der Tochter einer begüterten Dame der Gesellschaft, sieht Pip die unbekannte Quelle seines Reichtums. Dickens sieht seine Schuld in der Trennung von seiner Ehefrau und dem heimlichen Zusammenleben mit einer 27 Jahre jüngeren Schauspielerin.
Schon Edgar Allen Poe erkannte schnell die Wahrheit über Dickens Helden: Sein plötzlicher Aufstieg ist auf Sand gebaut. In Australien selbst zu grossem Besitz gekommen, ist der entflohene Sträfling die wahre Quelle seines Reichtums. So ist alles verloren.
Der Performer
Charles Dickens bleibt ein reicher Mann. Seine ungeheure Produktivität kommt nie zum Erliegen. Alles wird Text. Text und Geld. 13000 Charaktere sollen es am Ende geworden sein. Als ein obsessiver Vermarkter seiner selbst ist er ständig unterwegs , ob in Gedanken am Schreibtisch oder auf endlosen Lesereisen. Er reist und schreibt, schreibt und reist. Ausgedehnt auch durch die USA. Er beschäftigt sich mit Mesmerismus, kann seine Zuhörer beinahe in Trance versetzen. Auf der Bühne so etwas wie ein moderner Performer, wird er verehrt, bewundert, geliebt. Dickens, Superstar.
Er schreibt: „Ich kann Ruhe nicht ertragen und finde Befriedigung nur in der Erschöpfung.“
2012 ist Dickens Jahr, nicht nur in England. Ausstellungen, Lesungen, Festivals durchziehen das Land. David Lean hat „Grosse Erwartungen“ 1946 verfilmt. Im Herbst 2012 folgt die bisher letzte Fassung von Mike Newell.
Das Buch ist zuerst als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift erschienen. Sein Autor war der nächsten Folge dabei immer nur eine Nasenlänge voraus. Seiner Zeit war er es gewiss.
Charles Dickens: Grosse Erwartungen, Hanser Verlag 2011
Rainer M. Schaper










