Peter Kurzeck: Vorabend
Buchtipp extra
Peter Kurzeck: Vorabend
Hier ist es, das grosse Romanprojekt der deutschsprachigen Literatur: Das alte Jahrhundert. Zwölf Bände über die Bundesrepublik Deutschland der 40er bis 80er Jahre sind geplant. Jetzt ist das fünfte Buch erschienen. Es ist grandios.
Diesen Roman hat er diktiert. «Schreib weiter! Schreib schneller! Nur weiter. Sowieso keine Wahl.» Er hat alle seine Bücher diktiert, nur dieses eine auch öffentlich, im Literaturhaus in Frankfurt am Main im Sommer 2010. Montag bis Freitag, 10.00 bis 16.00 Uhr. Eintritt frei. Fünfundsechzig Kapitel sind es am Ende geworden, über tausend Druckseiten und fünf lange Jahre Schreibarbeit. Sein Titel: «Vorabend».
Peter Kurzeck heisst der Autor dieses schier unmöglichen Unterfangens – und schier unmöglich erscheint auch sein ganzes Erzählprojekt. Sein Motto, ebenso bündig wie unbescheiden: «Die ganze Gegend erzählen, die Zeit!». Geht das? Geht das wirklich? Die Gegend und die Zeit in Worte fassen? Es ist der Anspruch dieses Schriftstellers. Nichts weniger. Immerhin. Er gehört darin zum Besten und Eigenwilligsten, was in heute deutscher Sprache gedruckt wird.
Der Stimmensammler
Ein Chronist der laufenden Ereignisse, das ist Peter Kurzeck. Wenn das nicht schon zu hoch griffe. Chronist ja, Ereignis kaum. Vorkommnisse trifft es besser. Denn Ereignis im emphatischen Sinn ist eigentlich nichts, was in Kurzecks Romanen passiert. Er sammelt Stimmen. Vielmehr. Es sind die Stimmen des Alltäglichen, Unscheinbaren, Achtlosen, die er zu seinem ganz speziellen Sound sampled. Der Alltag und sein Personal, der fortwährende Lauf der kleinen und kleinsten Verhältnisse, alles wird Klang.
«Das alte Jahrhundert» nennt Peter Kurzeck sein auf zwölf Bände angelegtes autobiographisches Romanprojekt. «Vorabend» ist der fünfte Band. Sein Inhalt ist wieder kaum der Rede wert: Ein Mann, eine Frau, ein Kind sind auf dem Weg zu Freunden. Sie heisst Sibylle, die Tochter Carina. Der Ort: Frankfurt am Main. Ein letzter Besuch im Oktober 1982, bevor die Freunde nach Südfrankreich ziehen. Das Treffen am Küchentisch. Die Abschweifungen. Das allein braucht einhundert Seiten. Nur, langweilig, das sind die nie. Noch die kürzeste Wegstrecke wird in diesem Roman zum ganz weiten Feld der Erinnerung. Ein Sog nur aus Sprache, dem sich keiner ganz entziehen kann:
«Im Juni vierzig geworden und fristgerecht meine Arbeit verloren. Eine Halbtagsstelle in einem Antiquariat. Schlecht bezahlt, aber unersetzlich. Eine Arbeit, zu der man zu Fuss hingehen kann. Gerade die richtige Stelle, wenn man dicke Bücher schreibt und ein Kind hat. Erzähl, sagt Carina. Erzähl, Peta! Erzähl!»
Das alte Jahrhundert
Weit, sehr weit ist so der Weg nach Frankfurt-Eschersheim. Quer durch die Stadt und dabei weiter, immer weiter auf den uferlos verschlungenen Pfaden des Erinnerns. Das «alte Jahrhundert», das ist Westdeutschland, die alte Bundesrepublik der 40er bis 80er Jahre. Und das ist Kurzeck Zeit. Sein Weg nach Lollar und Staufenberg, in die oberhessischen Dörfer und Kleinstädte seiner Jugend. Da erzählt er von dem, «was nicht mehr da ist» Atemlos hastet er durch eine Welt von gestern. Es ist die dörfliche Welt seiner Kindheit, die sich stetig, unaufhaltsam modernisiert.
In ihrem Bild ist alles enthalten, mal Polaroid, mal Panorama. Alles ist in dieser spröden Rede über den irgendwie unaufhaltbaren Gang der Dinge: Es gibt die Autobahn und den Zubringer zur Autobahn und die Strasse zur Ringstrasse zum Zubringer zur Autobahn. Und es gibt die neue Auffahrt zum neuen Einkaufszentrum. Es wird gebaut und verbaut, planiert und betoniert. Aus Menschen werden Verbraucher, Normalverbraucher, Endverbraucher schliesslich, mit ihren Kühltruhen und Haussprechanlagen. Dem ganzen Furor einer sich ständig runderneuernden Mentalität. Von einem unsichtbaren Krieg, spricht der Chronist an dieser Stelle.
Die Igel
Und es gibt die Igel: «Die Igel begreifen es nicht! Wie um sie her alles wegverschwindet. Nix bleibt. Haben keinen Ort. Finden kaum noch Futter. Und auch keine Ruhe mehr. Abgase. Russwolken, Blei. Und dazu noch das Gift, das die Bauern spritzen.» Das ist auch komisch, sicher, aber ohne jede Ironie. Das Dorf, die Landschaft, die Kneipe, die Fabrik, alles im Wandel. Eine «neue und immer noch eine neuere neue Zeit» ziehen herauf, schreibt Peter Kurzeck.
Der Autor erzählt sein Leben. Er beklagt es nicht. Er schildert es. 1997 hat alles angefangen. Das grosse Romanprojekt beginnt mit dem Buch «Übers Eis», dem Roman einer Trennung. Es ist die Trennung von Sibylle. Das Trennungsjahr: 1984. Die Romane also sind nicht chronologisch. Sie springen in der Zeit, sie springen in der Lebenszeit ihres Autors – und sie sind doch abgeschlossen. Die nächsten Bände sind schon angekündigt. Thema und Titel inklusive. Jedes Buch steht für sich allein und doch alle für eine tragende Idee: Schreib das auf, Kurzeck! Schreib alles auf! Alles!
Peter Kurzeck: Vorabend, Verlag Stroemfeld/Roter Stern
Rainer Michael Schaper
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