Medien
Promis und Verbrechen
Im «Blick»-Fotoarchiv schlummert das nationale Gedächtnis des Boulevard
Mit gut sieben Millionen Aufnahmen ist es der grösste physische Bildbestand der Schweiz: das Ringier Bildarchiv. Insbesondere mit dem Fotoarchiv des «Blick» dominiert der führende Schweizer Verlag das visuelle Zeitgeschehen seit über 50 Jahren. Die Medienbilder stellen politische, gesellschaftliche und kulturelle Zeitgeschichte dar. Heute gehört der Bildbestand dem Staatsarchiv Aargau. Für eine aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Aarau durften einige Künstler den Bildbestand nutzen. Auch der «Kulturplatz» hat gestöbert in den Fotos von Prominenz und Verbrechen, im nationalen Bildgedächtnis des Boulevard.
Autor: Stefan Zucker
Der Alptraum vom Fliegen
Werner Herzogs Film über den Skispringer Walter Steiner
Die Suche des Regisseurs Werner Herzog nach Grenzerfahrungen führte ihn in den 70er-Jahren auf die Spuren des Schweizer Skispringers Walter Steiner. Wie dieser erste Skiflugweltmeister der Geschichte seinen Weg zwischen Leistungseuphorie und Angst vor dem fatalen Absturz suchte, hielt Herzog eindrücklich fest. Damit gelang ihm ein frühes Werk psychologischer Sportberichterstattung, ein Exempel dafür, wie stark der Sport von seiner medialen Darstellung lebt.
Autor: Pascal Derungs
«Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Steiner», Film von Werner Herzog (1974)
Elfentanz auf vielen Hochzeiten
Die Selbstinzenierungen der Künstlerin Miranda July
Die öffentlichen Liebeserklärungen an die amerikanische Künstlerin in Zeitungen, Magazinen und Blogs werden täglich mehr. Offen bleibt, wie sehr diese Begeisterung ihrer Kunst geschuldet ist, wie viel eher der verspielten Selbstinszenierung in ihren Filmen. Anlässlich der Schweizer Premiere des neuen Films «The Future» trat Miranda July selbst in Erscheinung. Nein, sie inszenierte sich … und eroberte noch ein paar Herzen.
Autorin: Sibilla Semadeni
«The Future», Film von Miranda July, ab 15. Dezember in den Deutschschweizer Kinos
Hass per Radio
Wie ein Radiosender zu Ruandas Völkermord aufstachelte
Sendung vom 09.11.2011
Noch immer lässt sich schwer begreifen, warum in den Neunziger Jahren in Ruanda Freunde zu Feinden wurden – und Zehntausende zu Mördern. Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau versucht nun die Mechanismen des Völkermords zu beleuchten. Für ihn spielt die ruandische Radiostation RTLM eine zentrale Rolle bei der systematischen Vorbereitung zum Genozid. Rau inszeniert anderthalb Stunden Radioprogramm mit Überlebenden. Ein Theaterabend, der erschüttert und mit einer klaren Message aufwühlt: Das Böse steckt im Banalen.
Beitrag: Julia Bendlin
«Hate Radio», Regie: Milo Rau, Aufführungen am 25.-29. Januar 2012 im Migros-Museum Zürich; 2./3. Februar 2012 im Südpol Luzern; im April 2012 in der Kaserne Basel und im Schlachthaus Bern
Krieg der Bilder
Wie viel wir von der Gewalt an Diktatoren sehen sollten
Die grausamen Bilder von Gaddafis Verhaftung gingen in den letzten Tagen um die Welt. Bilder, die eine eigentümliche Faszination ausüben und zugleich abstossen. Brauchen wir solche Bilder wirklich, um eine Meldung als wahr zu begreifen – oder bedienen sie nur unsere Sensationslust? Der Historiker Gerhard Paul erforscht seit Jahrzehnten die Wirkung von Kriegsbildern in den Medien. «Kulturplatz» stellt die Frage, wie viel wir von der Gewalt an Diktatoren sehen sollten.
Beitrag: Thorsten Stecher
Gerhard Paul: «Bilder des Krieges, Krieg der Bilder», Ferdinand Schöningh Verlag, 2004
Dieter «Yello» Meier – wie die Kunst den Lebemann vor der Spielsucht rettete
Mit «Yello» wurde er als Pionier der frühen Technomusik weltbekannt. Doch Dieter Meier ist ein Universalkünstler, macht Filme, singt, zeichnet und schreibt. Und nimmt das alles nicht so furchtbar ernst. Dieter Meier kennt keine Berührungsängste gegenüber den schönen Künsten. Er zelebriert sie wie ein leichtes Spiel. Dabei war es die Kunst, die den einstigen Lebemann vor dem Absturz in die Spielsucht rettete. Wie der Profi-Zocker Meier die Liebe zur Kunst entdeckte und welche Rolle die Zürcher Tonhalle dabei spielte, erzählt er im «Kulturplatz».
Beitrag: Uta Kenter
«Out of Chaos», autobiografisches Bilderbuch, von Dieter Meier, Edel-Books 2011
Fischen im Zahlenmeer – wie Datenjournalisten aus nackten Zahlen Geschichten machen
Sendung vom 01.06.2011
In einer grenzenlosen Flut von Daten im Web finden Journalisten und Illustrations-Spezialisten die Geschichten, die uns die Ereignisse in einer zusehends komplexer werdenden Welt begreiflich machen sollen. Heutiger Datenjournalismus lässt die zahlengestützten Diagramme, die bis anhin komplexe Zeitungsartikel begleiteten, buchstäblich alt aussehen. «Kulturplatz» informiert sich bei Profis des Datenjournalismus: bei Simon Rogers, dem Online-Chef des britischen «Guardian» und beim Wiener Dozenten Joseph Dreier.
Beitrag: Roland Luder
Opfer oder Schuft? – Der Fall Strauss-Kahn stachelt Verschwörungstheorien an
Als die Nachricht von Dominique Strauss-Kahns Verhaftung durch die Medien ging, war der Schock gross: Die Mehrheit der Franzosen glaubte spontan an ein Komplott, an eine Falle, an eine Konspiration. Verschwörungstheorien haben Konjunktur – dank ihrer leichten Verbreitung im Netz und nicht zuletzt seit dem 11. September 2001. Wie der Glaube in die Astrologie scheinen sie einem menschlichen Bedürfnis nach einfacher und rascher Orientierung nachzukommen. «Kulturplatz» fragt nach der tieferen Bedeutung des Verschwörungsdenkens.
Beitrag: Bernhard Koellisch, Wasiliki Goutziomitros
Frühling in Tunis – wie Medien und Kultur den Wandel einer Gesellschaft spiegeln
Sendung vom 20.04.2011
Die Erwartungen an den politischen Wandel in Tunesien sind von allen Seiten schwindelerregend hoch. Doch die Akteure der friedlichen tunesischen Revolution suchen in der neu entstehenden Zivilgesellschaft ihre Rolle, kämpfen mit Verunsicherung und täglichen Rückschlägen. «Kulturplatz» porträtiert drei von ihnen in einem Wechselbad der Gefühle: die junge Journalistin Nadia Chahed, die Menschenrechtsaktivistin und Radiobetreiberin Sihem Bensedrine und den Jugendhelden und «Stimme der Revolution», den Rapper «El General».
Beitrag: Sabine Gisiger
Sesamstrasse für Erwachsene: Lokaltermin backstage beim Puppenmusical «Avenue Q»
Sendung vom 02.03.2011
Liebe, Freundschaft, Erfolg und Sex: Nichts weniger als den Sinn des Lebens suchen die skurrilen Bewohner der ärmlichen «Avenue Q» in ihrem Alltag. Das Spezielle dieses Musicals liegt nicht in der Thematik, sondern im Schauspiel: Die Darsteller spielen mit animierten Puppen im Arm und agieren so als Doppel-Charaktere. «Kulturplatz» reist zum Lokaltermin an die St. Galler Premiere und beobachtet die Schauspieler und den Regisseur Dominik Flaschka beim eigenwilligen Spiel mit den zwei Gesichtern.
Beitrag: Sabine Müller
«Avenue Q», Theater St. Gallen, bis 21. Mai 2011

















