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Kurt Schaads Reisetagebuch: Folge 5

Mosambik und Südafrika

Mittwoch: Mambas, Puffottern, Kobras
Maya Litscher ist eine Person, die die Dinge resolut anpackt und dabei das Herz auf der Zunge trägt. Sie ist die Frau des Schweizer Botschafters in Mosambik und passt nicht ins übliche Schema von Diplomatengattinen, deren wichtigste Aufgabe es ist, darüber zu wachen, was es bei welchen Empfängen zu essen gibt und was man trägt. Eine Peinlichkeit sondergleichen, falls derselbe Gast zweimal dasselbe Menu serviert bekommt oder man sogar dieselben Kleider trägt wie beim letzten Empfang. Sie lässt sich auch nicht aus Ängstlichkeit vom Chauffeur im geschlossenen Wagen zum Shoppingcenter und zurück fahren.

Angst scheint ihr generell ein unbekanntes Gefühl zu sein. Immerhin hat sie in Südafrika einen Schlangenkurs besucht, um den richtigen Umgang mit den Reptilien zu lernen. Man weiss ja nie, wann man in Afrika einer Schlange begegnet. Und dort, wo Maya Litscher ihren Gestaltungswillen auslebt, hat es Schlangen: schwarze Mambas, Puffottern oder Kobras, um nur ein paar der giftigen Sorte zu nennen. Die Frau des Botschafters hat, zusammen mit ihrem Mann und den beiden Söhnen, am Ufer des Malawisees eine kleine Lodge gebaut.

Traumhaft gelegen aber nicht eben einfach zu erreichen. Oder anders gesagt: weiter weg in der Pampa von Mosambik geht fast nicht. Weshalb macht frau so etwas? Sie weiss die Antwort selber nicht so genau - oder will sie nicht so genau wissen. Die einen kaufen in diesem Alter ein Cabriolet, Maya baut eine Lodge. Von Grund auf, ohne vorher existierende Infrastruktur. Der nächste Ort, in dem man einkaufen kann, liegt 120 Kilometer entfernt. Ist es Selbstlosigkeit oder Selbstverwirklichung?

Geld ist nicht wichtig, sofern man genug davon hat und man in der privilegierten Situation ist, vorläufig keinen Gewinn machen zu müssen. So subventionieren die Litschers ein Dorf am Malawisee, dessen Kinder bis vor ihrer Ankunft noch nie einen Muzungu, einen Weissen, zu Gesicht bekommen haben. Die Lodge bietet 30 Arbeitsplätze. Alle Angestellten haben Jahresverträge, eine Unfallversicherung, Pensionskasse, bezahlte Überstunden und Ferien. Mit dem verdienten Geld füttern sie im und aus dem Dorf hinaus einen Geldfluss, der einen kleinen Wirtschaftsmotor am Laufen hält. So gibt es im Dorf bereits vier Läden – deren Besitzer die Preise untereinander absprechen.

Die Läden ersparen den 3-stündigen Fussmarsch zur nächsten Einkaufsmöglichkeit. Die Fischer konnten sich grössere und stärkere Netze leisten und in den Hütten schlafen immer mehr Leute nicht mehr auf dem nackten Boden und in den kalten Nächten wärmt jetzt eine Decke. Nachhaltig wird die Sache erst, wenn die Lodge rechtssicher verbrieft ist und der Unterhalt und die Löhne durch die Einnahmen aus den Übernachtungen gedeckt sind und auch noch ein Gewinn übrig bleibt.

Maya Litscher ist eine Unternehmerin mit Gestaltungswillen, ohne dass sie das angestrebt hat. Unternehmertum ist für sie eher negativ behaftet. Gewinn machen eher unanständig. Sie wird regiert von ihren Emotionen und kann furchtbar wütend werden, wenn sie vermeintliche Ungerechtigkeiten entdeckt.

Donnerstag: Der reichste Kontinent der Welt

Wenn man Lachen in Geld umwandeln könnte, wäre Afrika der reichste Kontinent der Welt.

Samstag

Fahrt nach Lichinga. Provinzhauptort mit Flughafen, der drei Mal die Woche angeflogen wird. Das ist dort immer noch ein Ereignis, vor allem am Samstag. Dann kommen viele Bewohner von Lichinga, um das Flugi, eine Boeing 737, nicht mehr neusten Datums, aber frisch gestrichen, zu bestaunen. Lichinga liegt rund 1600 Meter über Meter.
Das Klima ist angenehm. Unser nächstes Ziel ist die Ilha de Moçambique. Die frühere Haupstadt von Mosambik liegt am Meer. Schätzungsweise 35 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von, sagen wir, 90%, prallen auf unsere Körper. In der Schweiz ist es zur gleichen Zeit minus 12 Grad.

Das erste westliche Gebäude Ostafrikas ist eine Kapelle auf der Ilha de Mocambique. Wenige Schritte neben der Kapelle wurden tausende von Sklaven unter der Obhut des Christentums nach Brasilien, Arabien oder die USA verschifft.

Sonntag

Laurent, der Kameramann, sagt: „Du musst die nötige Sozialkompetenz haben, um dich in Afrika wohl zu fühlen“.

Montag

Das Spital auf der Ilha de Moçambique ist ein grosses ehemaliges Kolonialgebäude. Niemand kennt die Geschichte. Man vermutet, dass es nicht nur als Spital gedient haben soll. Das grösste Problem ist, dass nur ein einziger Arzt hier stationiert ist. Der ist bei unserem Besuch gerade nicht hier. Die Betreuung der Kranken wird durch Nurses gemacht. Operationssaal gibt es hier keinen, die Krankenstation dürfen wir nicht filmen. Gröbere Sachen werden in einem Spital gemacht, das 50 Kilometer entfernt ist.

Neben dem Problem, dass der Zahn der Zeit, resp. die Meerluft, heftig an den Gebäulichkeiten nagt, hat sich die medizinische Situation insofern verbessert, dass ein Blutanalysegerät und ein Mikroskop zur Verfügung stehen. Und auch ein Röntgengerät. Aber der Mann, der es bedient, hat den Schlüssel und Mann und Schlüssel sind zurzeit nicht anwesend.

Dienstag: Das Geld wandert direkt in die Taschen der Politiker…

Habe hier in Maputo, der Haupstadt von Mosambik, das Buch von Paul Theroux zu Ende gelesen. Es hat mich auf weiten Teilen der Reise begleitet. „Dark Star Safari“ lautet der Titel. Paul Theroux ist darin von Kairo bis Kapstadt gereist. Acht Jahre vor uns und meistens auf dem Landweg. Seine Reise war um einiges abenteuerlicher, die politische Stabilität in manchen Ländern kritischer als heute. Wenn man die Lage im Maputo von heute mit derjenigen vergleicht, wie sie Theroux in seinem Buch beschreibt, dann hat sich das Land doch merkbar in eine positive Richtung entwickelt.

Ein paar Zeilen aus Theroux’s Buch sind mir speziell haften geblieben. Sie decken sich mit meinen Beobachtungen:

"Warum sollte sich die kenianische Regierung ums Volk kümmern? Sie bekommen Geld von der Weltbank, vom IWF und den USA und Deutschland und sonst von überall her. Die kenianische Regierung ist abhängig von Geberländern. Es ist bewiesen, dass dieses Geld direkt in die Taschen der Politiker wandert."

"Die Afrikaner weisen nichts zurück. Eine Strasse, eine Schlafstätte, eine Bank, eine Brücke, ein Kulturzentrum, eine Apotheke – alles wurde akzeptiert. Aber Akzeptanz hiess nicht, dass die Dinge nötig waren oder dass sie gar gebraucht oder unterhalten wurden. So ist auch die von Ghaddafi gespendete Moschee zerfallen. Die Projekte werden alle zu Ruinen, weil sie in sich den Samen ihrer Zerstörung tragen. Wenn sie dann eines Tages nicht mehr funktionieren, tut dies niemandem Leid, niemand kümmert das. Das ist, was in Afrika geschieht: die Dinge fallen auseinander."

"Die Afrikaner leben nach dem täglichen Bedarf und etwas, das sie speziell gelernt haben, ist, zu überleben."

"Der Niedergang des afrikanischen Glücks ist eine Folge ausländischer Hilfsgelder.
Falls du nur Geld gegeben und niemanden zu eigenem Handeln inspiriert hast, dann ist deine beste Handlung, wieder nach Hause zu gehen."

"Entwicklungshelfer sind Agenten der Rechtschaffenheit in weissen Landrovern.
Die Tyrannen lieben die Entwicklungshilfe. Sie hilft ihnen, die Macht zu zementieren und führt zu weiterer Unterenwicklung. Man braucht Armut, um Hilfsgelder auszulösen."

"Nur Afrikaner können ihre eigenen Probleme definieren und nur Afrikaner können sie lösen. Nur Afrikaner sind in der Lage, Afrika differenziert zu sehen. Alle anderen, die Geber, Freiwilligen und Banker, wie immer idealistisch sie sind, sind einfach nur subversive Agenten."

"Was ich am meisten liebe in Afrika, ist, dass es noch unfertig scheint und immer noch etwas Unbekanntes und Unentdecktes ist."

Mittwoch: Schwarzer Unternehmer in weissem Ghetto

Richard Maponya. Unser Mann lebt in einer schwer bewachten Gegend. Eine Barriere versperrt den Weg in die vierte Strasse im traditionell weissen Ghetto Sandton in Johannesburg. Die Wache telefoniert. Nach zwei Minuten dürfen wir passieren. 500 Meter und etwa drei schmiedeiserne Tore weiter melden wir uns über die Gegensprechanlage vor einem geschlossenen Tor, das sich kurz darauf geräuschlos öffnet. Wir sind im Herzen der Oberschicht von Johannesburg, die sich hier in eine Art moderne Wagenburg zurückgezogen hat.

Wer hier lebt, hat Angst und/oder viel Geld oder legt grössten Wert auf Anonymität. Unser Mann hat weder Angst noch legt er Wert auf Anonymität. Aber Geld hat er schon. Er ist einer der reichsten Südafrikaner und seine Hautfarbe ist schwarz. Richard Mapuonya ist der kapitalistische Angriff aufs weisse Establishment.

Auch heute leben in dieser Gegend hauptsächlich Weisse. Richard Maponya ist aber schon in den 80er Jahre in dieses damals rein weisse Quartier eingezogen. Über eine Stiftung und und einen weissen Strohmann hatte er ein Haus gekauft. Nach dem Motto: das ist auch mein Land, ich kann hier leben wo und wie ich will. Niemand wagte es damals, den Kauf zu verhindern. Es war eine typische Symbolhandlung, denn Maponya lebte zu jener Zeit weiterhin in Soweto, wo er im Lebensmittelhandel gutes Geld verdiente. Der geborene Unternehmer ist gleichzeitig auch ein politischer Aktivist, ein Kämpfer und ein Rebell.

Vor 28 Jahren erstand er ein grösseres Stück Land in Soweto, um darauf ein Einkaufzentrum zu bauen. Der Unternehmer sah das Potenzial, in der Schlafstadt Soweto mit ihren 5 Millionen Einwohnern einen Markt zu erschliessen, Arbeitsplätze zu schaffen und den Bewohnern des Townships weite Einkaufswege zu ersparen. Natürlich sahen es die Machthaber der Apartheid nicht so. Es war ein ständiger Kampf gegen Diskriminierungen, bei dem er tatkräftig vom Anwalt Nelson Mandela unterstützt wurde. 26 Jahre dauerte der Kampf, bis die Shopping Mall durch Staatspräsident Nelson Mandela schliesslich eröffnet werden konnte.

Niemand würde sich dagegen wehren, dass sie nach dem Mann benannt wurde, der mit unerschütterlichem Willen und äusserlich immer lächelnder Gelassenheit seinen letztendlich politischen Traum wahr werden liess: Maponya Mall. Eine unternehmerische Leistung, die mehr noch eine symbolische Wirkung für das Selbstbewusstsein des schwarzen Südafrika hat.

Donnerstag

„Bist du schon mal auf ungeteerten Strassen Töff gefahren?“
„Eigentlich nein, vor mehr als 10 Jahren habe ich im australischen Outback mal geholfen, Schafe mit einem Töff zusammenzutreiben. Das war aber nur eine 125er.“
Geoff liess sich nach diesem kurzen Dialog nichts anmerken und ich erkannte erst am folgenden Tag den Sinn der Frage.

Geoff Russell ist eigentlich ein Mensch gewordenes Motorrad. Seit er denken kann, befasst er sich mit Motorrädern, hat Rennen gefahren und seit er es etwas ruhiger nimmt, ist er Präsident eines Motorradclubs. Ich wollte von ihm am Telefon ein paar Tipps, wo und wie ich auf einem Töff die letzte Etappe nach Kapstadt zurücklegen könnte. Anhand einer Karte deckte er mich mit Landschafts- und Strassendetails förmlich ein, so dass bald klar war: der Mann kennt jeden Weg-Zentimeter in Südafrika.

Die Frage, ob er uns weiter behilflich sein könne und die Bemerkung, er würde uns auch gerne begleiten, erübrigten sich schon, kaum waren sie ausgesprochen. Geoff war der Begleiter für den letzten Reiseabschnitt. Von einer früheren Südafrikareise wusste ich, dass man links und rechts der Hauptstrassen auf überraschende und interessante Begegnungen stossen kann. Das sei so, in einem Landstrich, der als Kernland der Buren bezeichnet werden kann, meinte Geoff, und versprach, eine spannende Route auszuarbeiten.

In Sutherland nahm ich meine Maschine in Empfang. Sutherland, ein verschlafenes Kaff am Rande der grossen Karoo, gut auf einer geteerten Strasse erreichbar. Geoffs Route führte aber nicht über diese Strasse und alle anderen waren ungeteert.

„Nur immer schön locker bleiben, der Maschine genügend Bewegungsfreiheit lassen und so fahren, wie wenn du auf einer normalen Strasse wärst. Immer 50 bis 100 Meter vorausschauen. Das wirst du locker schaffen“, meinte Geoff und fügte noch an, dass man am besten mit 80 km/h oder mehr fährt, um über die Schlaglöcher hinwegzugleiten. Ich nickte tapfer und hatte eine unruhige Nacht.

Freitag: Wo die Zeit stehenbleibt

Geoff hatte recht. Dem Motorrad genügend Bewegungsfreiheit geben und schon liegen 80 km/h drin. Nur vor den Kurven habe ich Respekt und gehe vom Gas. Es bleibt genügend Zeit, auch ein Auge auf die sich stetig wandelnde Landschaft zu werfen. Eine faszinierende Leere, eine Halbwüste, durchsetzt mit weissen Punkten. Einsame Bauernhöflein mit Windrädern, die das Grundwasser für die Tiere hochpumpen.

Vor 250 Jahren sind sie hier hochgezogen, von Kapstadt her, haben die Leere bevölkert, die Buren, aus Holland ausgewandert, mit ihrer Sprache, dem Afrikaans, das nahe beim Plattdeutschen ist. Angetroffen und vertrieben haben sie Buschleute, die hier seit Urgedenken gejagt und gesammelt haben.

Staubige 70 Kilometer nach Sutherland die nächste Siedlung. Ein Laden, ein Hotel mit Bar und Restaurant, eine Polizeistation und ein paar Wohnhäuser. Middlepos, das kleinste Dorf Südafrikas.

Koos van der Westhuizen macht sich gerade auf den Weg zur Arbeit. 50 Meter sind es von seinem Haus bis zum Laden, wo er sein Büro hat. Diesen Weg legt er jeden Tag vier Mal zurück. Am Morgen, um aufzuschliessen, abschliessen über Mittag, dann wieder aufschliessen nach dem Mittagessen und abends wieder zurück, nachdem er den Laden wieder geschlossen hat.

Wenn es einen Ort gibt, auf den der Begriff des Stehenbleibens der Zeit zutrifft, dann hier in Middlepos. Natürlich bleibt die Zeit auch hier nicht stehen, aber sie läuft so langsam, wie Koos auch spricht. Die Worte sind bedächtig gewählt und anstrengend muss es auch sein, denn der Schweiss rinnt beim Sprechen übers Gesicht.

Koos ist ein Züchter. Ein stolzer Züchter. Mit höchsten Auszeichnungen. Mit leuchtenden Augen zeigt er uns seine Ziegen. Toggenbörg and Saanen. Ja, das seien Schweizer Rassen. Sie würden in diesem Klima ausgezeichnet gedeihen. Nein, in der Schweiz sei er noch nie gewesen, schon gar nicht im Toggenburg oder im Saanenland.

Und dann kommen wir, fast unvermeidlich, auch noch auf die politische Situation zu sprechen. Sie hätten schon Angst gehabt, dass nach der Machtübernahme durch Nelson Mandela die Weissen an die Kasse kommen würden. Aber Mandela sei ein wunderbarer Mann. Hier auf dem Land hätte man sich nie grosse Gedanken gemacht und erst nach der Freilassung von Mandela gesehen, welches Unrecht geschehen sei. Die Worte sind gut überlegt, aber tönen ehrlich. Politik scheint ein unvermeidliches Thema zu sein, aber lieber spricht er über seine Ziegen.

Geoff drängt zum Aufbruch, wir müssen weiter, es liegen noch viele Kilometer Staubstrassen vor uns. Und so brettern wir mit über 100 km/h durch die Ebenen der grossen Karoo, eine veritable Staubfahne hinter uns herziehend. Dass die Temperatur über 40 Grad ist, merkte ich bei einem Halt an einer Kreuzung. Das Flimmern vor den Augen war keine Fata Morgana, sondern der Tatsache zuzuschreiben, dass ich viel zu wenig getrunken habe. Der Schweiss wird durch die heisse Luft sofort verdunstet.

Samstag: Hoffnung

Wir sind da, in Kapstadt. Es ist eine Begegnung ohne Sentimentalität. Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Wichtig sind jetzt eine Dusche und ein kühler Drink. Geoff und ich sind uns sofort einig. Das Wichtigste dieser Reise ist nicht die Ankunft in Kapstadt, das Wichtigste waren die Menschen, die ich auf dem Weg von Kairo nach Kapstadt kennen gelernt habe.

Nicht getroffen habe ich die korrupten Politiker, die egoistische Elite, die nur auf das eigene Portemonnaie schauen. Kennen gelernt habe ich Menschen, die in den meisten Fällen für die Zukunft dieses Kontinents so etwas wie Hoffnung offen lassen.