Inhalt

Lettres à Rousseau

Giovanni Orelli

Giovanni Orelli

Giovanni Orelli wurde 1928 in Bedretto geboren. Der Schriftsteller, Lyriker und Essayist lebt in Lugano, wo er am kantonalen Gymnasium italienische Literatur unterrichtet hat. Sein Erstlingsroman Der lange Winter kam 1965 im Verlag Mondadori mit einem Vorwort von Vittorio Sereni heraus (dt. Neuauflage: Zürich, Limmat Verlag, 2003). Sein Erzählwerk umfasst unter anderem Ein Fest im Dorf (Zürich, Benziger/Ex Libris, 1974, vergriffen), Walaceks Traum (Zürich, Limmat Verlag, 2008), Il treno delle italiane (Rom, Donzelli, 1995), Da quaresime lontane (Bellinzona, Casagrande, 2006). Er hat auch zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht, unter anderem Sant’Antoni dai Padü, poesie in dialetto leventinese (Mailand, Scheiwiller, 1986), Né timo né maggiorana (Mailand, Marcos y Marcos, 1995), Quartine per Francesco (Novara, Interlinea, 2004), Un eterno imperfetto (Milano, Garzanti, 2006). Viele seiner Bücher liegen auch auf Deutsch und Französisch vor. 2012 erhielt er zusammen mit Peter Bichsel den Grossen Schillerpreis.

Giovanni Orelli liest seinen Brief (ital., 6.22 Min.)

Lieber Rousseau,

Vor rund 70 Jahren führte ich nicht das natürliche, jahrhundertealte Leben eines Bauern weiter, mit seinen Winterpausen als “Marchand d’marrons” (Marronibrater) im Nordosten Frankreichs, sondern wurde einer Ausbildung zugeführt, um Lehrer zu werden. Während der endlosen (offen gesagt langweiligen) Pädagogik- und (noch schlimmer) Didaktikstunden gehörte dein Name zu jenen, denen ich am häufigsten begegnete.
Fast nichts von der Gegenseite, dem (für uns) zensurierten Voltaire, der im Verlauf der Jahre Punkte gutmachte. Sie liessen uns auch den Anfang deines Emile auswendig lernen. “Alles befindet sich in schönster Ordnung, wenn es aus der Hand des Schöpfers kommt, alles verdirbt unter den Händen des Menschen…”. Mir scheint, schon Petrarca habe in den Versen 3 und 4 seines Sonetts Nummer 7 Ähnliches gesagt: «wo von ihrem Kurs fast abgebracht / unsere Natur der Sitte unterliegt».
Deine menschenfeindliche Pädagogik, lieber Rousseau, (wie sie Marc Fumaroli nennt) hat in mir nie ein heiliges Feuer entfacht, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass sich seinerzeit ein grosser Dichter, Hölderlin, in Der Rhein fragen konnte “Wem aber, wie, Rousseau, dir, / unüberwindlich die Seele…” und damit dein “himmlisches Feuer” lobte. Doch etwas in dieser Pädagogik, oder eher in der Art, wie sie in unseren Zeiten ausgelegt wird, weckt meine Neugier. Nämlich dann, wenn ich von Vorschlägen, Versuchen, Experimenten lese, mit denen die Art und Weise verändert werden soll, wie Schule gegeben wird, vor allem in den so wichtigen und entscheidenden Primarschulen.
Wie viel überlebt von deinem Werk, um ein jüngeres Beispiel heranzuziehen, in einer Bewegung mit dem “vielversprechenden” Namen Senza zaino (ohne Schultasche), die im italienischen Bildungsbereich viel zu reden gibt? Ich lese zum Beispiel die Frage eines Journalisten: “Und wie wird gearbeitet, wie wird gelernt?” Hier die Antwort:
“Bei der Methode Senza zaino messen wir der Architektur des Klassenzimmers grosse Bedeutung zu. Der Raum wird in Arbeitsbereiche unterteilt, in denen sich die Kinder selbst organisieren und sich oft von Tisch zu Tisch mit unterschiedlichem Stoff befassen. Wenn sie fertig sind, begeben sie sich in die Korrekturecke, wo sie ihre Aufgabe selbstständig überprüfen. Im Schulzimmer stehen Karteikästen, Bücher, Ordner zur Verfügung; für die Kinder der untersten Klassen suchen wir zum Beispiel Stifte mit speziellen Griffen, die den Zugang zum Schreiben erleichtern.”
Wie viel überlebt in der “revolutionären Methode” (!) “Senza zaino” von deiner Idee eines ursprünglichen, unterdrückten “Naturmenschen”, der unter dem Druck der willkürlichen Konventionen der Gesellschaft sich selbst verborgen bleibt? Das fragte sich schon Chateaubriand, der dabei natürlich von den Ereignissen seiner Zeit ausging. Wie Fumaroli schreibt, warf Chateaubriand dem Autor des Emile vor allem vor, sein System ermutige die jungen Generationen, sich in solipsistischen Träumereien zu verlieren, die ihr seelisches und moralisches Gleichgewicht gefährdeten.
Dies zeigt die Befürchtung, dass durch die Überhöhung des Kindes, das seine Aufgaben selbst korrigiert, ein anarchistisches Scheitern vorgespurt wird. Eine spielerische Anarchie, die den Jugendlichen gefällt. Denn von der Schule, die verbindlich ist, die Aufgaben vorgibt (und dabei auch übertreibt), der Schule der Schultasche, schwer wie ein Sandsack, halten die Jugendlichen in der Regel nichts.
Ich sage nicht, dass ich mir Klassen (wie ich sie in China gesehen habe; die heutigen Verhältnisse kenne ich nicht) mit 56 Schülern wünsche, in denen abwechselnd Jungen und Mädchen sitzen. “Parce-que les filles sont plus bavardes” (weil die Mädchen schwatzhafter sind), wie der Dolmetscher des Lehrers erklärte.
Ich trete nicht für eine Schule ein, die der Natur Gewalt antut; doch an “Kinder, die sich selbst organisieren”, glaube ich nicht wirklich. Wer sich Wissen aneignen möchte, muss sich auch anstrengen, Disziplin aufbringen, auch für sich allein arbeiten.

                                                                                             Giovanni Orelli