Teil 1
Kindheit & Jugend
(1712-28)
Am 28. Juni 1712 kommt Jean-Jacques Rousseau in Genf zur Welt, damals eine unabhängige Republik und erst als «zugewandter Ort» der Eidgenossenschaft verbunden. Er ist das zweite Kind von Suzanne Bernard (1673-1712) und Isaac Rousseau (1672-1748). Jean-Jacques‘ Vater war Uhrmacher – wie dessen Vater und Grossvater. Ein Vorfahr väterlicherseits stammte aus der Region Paris und floh 1549 nach Genf, um der Reformation treu zu bleiben. Zehn Tage nach Jean-Jacques‘ Geburt stirbt die Mutter.
AUDIO: Autor Guillaume Genevière über den Geist der Elite in Genf im 18. Jahrhundert (1:25)
Bis 1722 lebt das Kind beim Vater und bei einer Tante in Genf. Wie sein Vater liest er viel, Lesestoff, der eigentlich nicht für sein Alter gedacht war, vor allem Historiker und Moralisten, etwa Plutarch. Das habe bei ihm «einen Hang gefördert, in der Fantasie zu leben und sich von Chimären zu nähren» (Jacques Gautreau). Als der Vater im Oktober 1722 nach einer Auseinandersetzung mit einem Offizier, während der er diesen mit dem Degen verletzt hat, Genf in Richtung Nyon verlässt, bleibt Rousseau bei seinem Onkel Gabriel Bernard, der ihn in Bossey bei Genf beim Pastor Lambercier unterbringt. Das ruhige Landleben behagt dem Kind, es wird dort altersgerecht ausgebildet. Doch es macht dort auch erste Erfahrungen mit der Ungerechtigkeit, wie er sich in seinen «Confessions» erinnert:

Ende 1724 ist Rousseau zurück in Genf, beginnt sich in den Strassen herumzutreiben, fängt eine Lehre bei einem Notar an und bricht sie ab. Als Lehrling beim Graveur Abel Ducommun hält es ihn fast drei Jahre. Dort habe er seine Offenheit und Ehrlichkeit verloren und sei ein Taugenichts geworden, stellt er rückblickend fest. Am 14. März 1728 steht er bei der Rückkehr von einem Spaziergang vor verschlossenen Stadttoren. Er fürchtet sich vor der Strafe – zweimal hat er schon wegen des selben Vergehens Prügel bekommen - und beschliesst, alles aufzugeben. Er wird zum Abenteurer.
(Zehnder)


