Erlebnis Durchschlag
Margrit Schneiders Durchschlagsbericht
Ein unvergesslicher Tag
Hurra! Mein Mann Martin und ich konnten einen denkwürdigen, einmaligen Tag erleben! Wir durften als VIP beim Durchschlag des längsten Eisenbahn-Tunnels der Welt dabei sein! Und dass das kein Traum war, davon zeugen nun, bei uns zu Hause, zwei wunderschön glitzernde Steinbrocken aus dem Gotthardmassiv! Diese kleinen, aber ganz besonderen Steine lagen zuvor als gelungene und schöne Tischdekoration auf den Tischen beim Festessen.
Ja, wir können uns an einen ganz besonderen Tag erinnern! Dieser fing schon schön, mit einer ruhigen, gemütlichen Erstklass-Bahnfahrt nach Faido an. Schade, dass sich die Sonne rar machte, sonst hat für einen goldenen Oktober-Herbsttag nämlich gar nichts gefehlt! Malermeister Herbst liess an seinen Gemälden keine Farbe aus! Und „zu unserer Ehre“, hat uns am Himmel sogar eine Formation der Patrouille Suisse, begleitet...
Auf der anderen Seite vom Gotthard wurden wir mit eitel Sonnenschein empfangen. Verständlich, dass wir beim Aussteigen zuerst unsere warmen Jacken ausgezogen haben. Direkt ab Bahnhof Faido wurden alle Gäste per Bus auf die grosse Neat-Baustelle geführt. Und auch schon dort machten wir bereits Bekanntschaft mit den anderen, vom Fernsehen eingeladenen Gästen. Ebenfalls dort erhielten wir die Badges, einen gelben Helm (Helmpflicht im Tunnel!)und für die italienisch-deutsche Übersetzung einen Kopfhörer. Schon das Tragen dieses Helms war, vor allem für die Frauen, (die als Gäste, am Durchschlag doch eine grosse Minderheit waren), irgendwie sehr gewöhnungsbedürftig! Bei der anschliessenden Postautofahrt ins Innere des ehrwürdigen Berges staunten wir nicht schlecht, weil uns eine gut ausgebaute Zufahrtstrasse kilometerweise und schnurgerade zum Sammelplatz im Zugangsstollen führte. Auf dieser Strasse konnten zwei Postautos problemlos kreuzen. Auf einem relativ grossen Bus-Wendeplatz konnten wir dann aussteigen und die letzten paar Meter zu Fuss gehen. Jetzt waren wir also dem grossen Ereignis schon ganz nah!
Schon diese Multifunktionsstelle ist ein Wunder! Was da alles untergebracht ist! Es hat weit verzweigte Tunnelröhren, die wir im späteren Nachmittag noch ausgekundschaftet haben. Enorm gross ist mir z.B . die Querkaverne vorgekommen, wo die Showbühne und eine grosse Leinwand aufgestellt war. Und wenn ich noch daran dachte, dass sich über mir sicher etwa 2000 Meter Fels auftürmen, fand ich das äusserst aufregend! Die Festivitäten fanden aber nicht nur in der grossen Querkaverne statt. Nein, in der gut ausgebauten Weströhre waren auch überall grosse Leinwände aufgestellt, wo man das Jahrhundert-Ereignis, das doch eigentlich fast nebenan passierte, live mit verfolgen konnte. Hier tummelten sich inzwischen überall viele Leute. Und hier konnte man sich auch überall an einem Apéro-Buffet, mit Speis und Trank bedienen.
Kurz nach 13.00 Uhr begann dann der offizielle Teil mit den Festreden von Luzi Gruber, Konzernbereichsleiter Implenia, von Alptransitchef Renzo Simoni (der ehrenhalber sogar verbotenerweise seinen Helm abzog) und von Bundesrat Moritz Leuenberger . Bei all diesen Ansprachen, vor allem bei der Tunnelsegnung, wurde es stiller im Tunnel. Alle hörten beeindruckt den feierlichen Worten der Redner zu.
Viel Lärm gab es dann aber, als auf der grossen Leinwand der hystorische Durchschlag live übertragen wurde. Dazu konnte man aber in den Medien genug sehen, hören und lesen. Dazu brauche ich nichts mehr zu schreiben. Schreiben möchte ich aber über das, was ich da gefühlt habe. Vielleicht auch ein wenig zu emotional, denn ich hatte fast Tränen in den Augen. Später, als Sissi nur noch wenig Zeit benötigte, um sich gänzlich durchzufressen, sind rings um uns herum alle Anwesenden beeindruckt auf- und zusammengestanden. Dieser Moment war einmalig! Das Gefühl, das dabei aufkam, war etwas ganz Besonderes! Schwer zu beschreiben, aber das Frieren auf meinem Rücken sagt sicher genug aus! Beeindruckt starrten alle auf die Leinwand und ich vergass fast zu atmen. Vor allem, weil sich nun auch schon der erste Riss zeigte und dann bald die ersten Stücke vom Verputz fielen. Beim folgenden, endgültigen Durchbruch, war dann kein Halten mehr für die neben uns stehenden Bergpioniere. Die Männer von der Front fielen sich in die Arme, jubelten und stiessen mit ihren Weingläsern auf den gelungenen Durchstich an. Auch mit uns! Mit uns, doch „ganz gewöhnlichen Gästen“! Und das „Salute“, die strahlenden Gesichter und leuchtenden Augen, sprachen den Männern aus dem Herzen.
Noch einmal stiller wurde es, als sich der österreichische Mineur mit der heiligen Barbara durch die Bohrmaschine kämpfte. Das war für die gestandenen Männer, die rings um uns standen, ein ganz gewaltiger Moment! Man spürte die Ehrfurcht vor ihrer Schutzpatronin! Als dann aber die ersten Mineure und Bergleute mit Fahnen erschienen, war es mit der Ruhe endgültig vorbei!
Von nun an konnte man sich auf dem ganzen Festareal fast gar nicht mehr verständigen! Die Gäste waren alle in Festlaune und das Stimmengewirr widerhallte enorm an den Tunnelwänden. Umso mehr, als dann auch noch „unser eigenes“, also das Tessiner-Bühnenprogramm anfing. Moderiert wurde bei uns alles durch die blonde Tessinerschönheit und Exmiss Christa Rigozzi. Schön und noch angenehm zum Hören, war z. B. die Tessiner Alphorngruppe „Corni delle Alpi Ticino“ in ihren heimatlichen Trachten. Viel, viel lauter, aber auch umso effektvoller, wirkte dann die bekannte italienische Folk-Rock und Country-Rockband „Davide Van De Sfross“. Hier war der Lärm, obschon ich solche Musik liebe, fast nicht zum Aushalten! Das Päng-päng der Musik, die Rufe der Zuhörer, das Stimmengewirr und das Echo in den Tunnels war extrem! Aber diese Musik riss die kräftigen Bergarbeiter vom Stuhl ….. nein - man konnte ja fast nirgends sitzen!
Fast gleichzeitig wie das Rock-Konzert sollte für uns das Live-Interview mit dem SF1 stattfinden. So traf sich die ganze Gruppe wie abgemacht zum Termin. Da ein Interview unter den gegebenen Umständen fast nicht möglich war, wurden die Aufnahmen dauernd verzögert. Dabei hatte ich doch und vielleicht auch andere Teilnehmer, etwas Herzflattern. Herr Gredig hat uns aber sehr freundlich und humorvoll über den Nervenkitzel hinweggeholfen. Da die Musik nicht aufhörte, musste das Interview trotzdem durchgeführt werden. Dabei hörte man aber wirklich fast nichts und der Moderator musste uns seine Fragen direkt ins Ohr brüllen. Aber auch dieses, für uns erstmalige und eindrucksvolle Ereignis, ging gut über die Bühne. Wie gut es in die Stube flimmerte können wir nicht sagen.
Jetzt waren wir alle wieder frei, konnten tun und lassen was wir wollten. Mit Salas und Schaltenbrands spazierten wir noch ein wenig umher, suchten dann wieder eine Sitzgelegenheit und bedienten uns mit Wasser. Irgendwie trocknete die Tunnelluft den Hals aus, es gab Durst! Um 17.30 Uhr war das Nachtessen im Seitenstollen West angesagt. Weil wir alle vom Erlebten und vom Umherstehen müde waren, schauten wir, ob man eventuell schon vor halbsechs in den Festtunnel kann, um dort anständig zu sitzen. Sitzplätze waren nun nämlich enorm rar! Das war aber nicht möglich. Zwei Securitas versperrten noch allen den Einlass. Dafür hatten wir dann vor dem Eingang noch ein ganz besonderes Ereignis. Ein älterer Mann vom Catering-Service, ein sehr aufgestellter „Päppu“, brachte uns vier leere Harassen zum Sitzen! So konnten die, im Wettbewerb dritt platzierten, Doris und René Schaltenbrand, mein Mann Martin und ich, wieder gemütlich sitzen und warten. Dabei erzählte uns der alte Weltenbummler in lustiger Weise von seinen Erlebnissen. Plötzlich stellte sich, unmittelbar vor uns, eine lustige Tessiner-Musik auf. Diese Männer spielten mit ihren verschiedenen Instrumenten und sangen mehrstimmig, schöne italienische Lieder. Es war herrlich ihnen zu zuhören! Wir vergassen die Zeit regelrecht und thronten auf unseren Harassen wie Könige. So waren wir ganz überrascht, als sich dann, so gegen 18.00 Uhr, der Vorhang zum Festessen im Tunnel öffnete.
Auch den Augenblick, als wir den „Festsaal“ betraten, vergesse ich nie! War das schön! War das ein Anblick! In diesem langen, langen Seitenstollen waren, so weit man überhaupt sehen konnte, Tisch an Tisch gereiht und schön aufgedeckt. Auf den Tafeln lagen schwarze Tischtücher, auf denen die Metall-Lichtständer - die aussahen wie kleine Bäume, geschmückt mit vielen, vielen Kerzlein, - voll zur Geltung kamen. Ferner lagen auch kleine Berge aus Gotthard-Ausbruch-Steinen auf den Tischen. Auch in jedem, dieser aufgestellten „Mini-Gottharde“ brannte ein Kerzlein. Für uns, das heisst für die Gewinner des Gotthard-Geschichtenwettbewerbs, war ein ganzer Tisch reserviert. Wir brauchten also nicht um einen Platz zu kämpfen. So sassen wir gerne noch einmal alle zusammen und genossen diese feierliche Atmosphäre. Nicht weniger entzückt, waren wir vom imposanten Vorspeisenbuffet! “ Mare – Monti“ stand auf der Speisekarte. Und man konnte auslesen was das Herz oder eben der Magen begehrte! Man hatte wirklich die Qual der unendlichen Wahl! Als Hauptgang offerierte der Gastgeber dann allen einen wohlschmeckenden Kalbsbraten mit Kartoffeln und Gemüse. Und als krönender Abschluss, zum Dessert, einen feinen Waldbeerenkuchen. Verständlich, dass es uns, inmitten der anderen Gäste und den Mineuren, allen gut gefiel! So haben wir das Zusammensein beim Essen und dem guten Tropfen Tessiner-Wein genossen!
Viel zu schnell, auch für uns Oldies, kam dann der Aufbruch. Bereits um 20.40 Uhr fuhr nämlich unser Zug in Faido ab. Mit dem Postauto wurden wir wieder nach Faido Bahnhof chauffiert, um die Heimreise anzutreten. Adjö Ticino! Adjö Faido! Es war einmalig! Bis nach Luzern, konnten wir „Gewinner und VIPs, noch im selben Zug reisen und nochmals Gedanken austauschen. Dort haben wir uns dann vom Ehepaar Sala verabschiedet. Nach der Strecke Luzern –Olten hiess es auch von Schaltenbrands Abschied nehmen, die weiter in Richtung Basel fuhren.
Für meinen Mann und mich, war es ein ganz besonderer Tag! Ein unvergesslicher Event! Und ich glaube, dass das auch für unsere neugefundenenBekannte der Fall war! Schön wäre es jetzt noch, wenn dieses imposante Werk, wenn dieser grosse Fortschritt von Wissenschaft und Technik, den Menschen zum Segen werden, wie es die beiden Pater in ihrer Segnung erbaten. (Margrit Schneider)
Stefan Kiesels Durchschlagsbericht
Ein einmaliges Erlebnis
Wo soll ich nur beginnen?! Vielleicht mit dem Chilenischen Kumpel, der, wenige Tage vor dem Gottharddurchstich, bei seiner Rettung einen Sack Steine mit ans Tageslicht gebracht hatte. Oder soll ich gleich in den Tunnel vordringen, wo wir inmitten der wahren Prominenz des Tunnelbaus, der Tunnelbauarbeiter nämlich, das entscheidende Geschehen auf Grossbildschirmen verfolgen konnten, während an die Tunnelwände strahlenförmige, leuchtende Gebilde projiziert wurden. Soll ich vielleicht das Gotthardabenteuer von hinten aufrollen, beginnend mit dem kleinen Schreck, als wir mit dem Postauto nach fünf Stunden den Stollen verliessen, das Tageslicht begrüssten und beim Zwischenhalt feststellten, dass wir die geliehenen Kopfhörer (Depotgebühr je Fr.50.--) hätten in der Tunnelgarderobe zurückgeben müssen. (Zur allgemeinen Beruhigung: Mit dem nächsten Bus zurück in die Höhle des Löwen, Tausch der Kopfhörer gegen 2 x Fr.50.-- und gleich wieder mit dem Bus diesmal direkt zum Bahnhof Faido). Vielleicht aber brennen einige Leser darauf, erst einmal zu erfahren, mit welcher Prominenz wir Tuchfühlung aufnehmen konnten. Da muss ich vor allem diejenige Person enttäuschen, die mich beauftragte, doch Herrn Bundesrat Leuenberger einen Gruss auszurichten. Die politische, wirtschaftliche und sonstige Prominenz war in einem anderen Tunnelabschnitt. Dafür wurden wir vor dem Bohrstaub verschont. Immerhin durften wir die Glanz & Gloria-Prominenz Christa Rigozzi in voller Schönheit und Lautstärke bestaunen. Nein, es ist doch sinnvoller, schön der Reihe nach zu berichten. Aber die vielfältigen Eindrücke musste ich erst einmal ordnen.
Die Anfahrt
Am 15.Oktober 2010 früh aus den Federn. Mit der geschenkten 1.Klasse-Tageskarte der SBB in der Tasche geht’s erst einmal nach Zürich, wo ich mit dem Enkel Jonas zusammentreffe. Gemeinsam befahren wir die «alte Gotthardstrecke». So jedenfalls wird diese wohl bezeichnet werden, wenn dereinst der Basistunnel in Betrieb ist. Das arme Chileli von Wassen wird die vielen staunenden Augen grosser und kleiner Kinder vermissen, wenn sich die SBB nicht seiner erbarmt und hin und wieder einen Nostalgiezug die alte Strecke befahren lässt.
Ankunft in Faido
Faido: Aussteigen, Ausschau halten nach dem Alptransit-Bus, einsteigen und ab geht’s, erst zur Zwischenstation in Mitten der Neat-Baustelle, wo wir den obligatorischen Helm behändigen sowie die erwähnten Kopfhörer. Und bald darauf fährt uns das Postauto in den Zugangsstollen, schnurgerade ca. 4 Kilometer zum Sammelpunkt der Durchschlagsfeier. Diese findet in der Querkaverne statt, welche die West- und die Oströhre verbindet. Am Ende steht die Show-Bühne, wo im Verlauf der Feier Kurzansprachen, Interviews und Musik- und Gesangsdarbietungen stattfinden, moderiert von Christa Rigozzi. Die Festzone dehnt sich auch links und rechts ein Stück weit in die beiden Tunnelrühren aus. In der ganzen Zone können wir uns, wie alle paar Hundert Gäste, frei bewegen, können uns an Apéro-Tischen bedienen und zwischendurch auf einfachen Sitzgelegenheiten ausruhen.
Der Durchschlag
Den Durchstich haben wir dann auf den Grossbildschirmen verfolgt im Wissen darum, dass dieser einmalige Moment um 14.17 Uhr im selben Tunnel stattfindet, in dem wir uns befinden. Eindrücklich, die anwesenden Tunnelarbeiter zu beobachten, wie sie auf das finale Geschehen emotional reagieren. Am meisten beeindruckt hat mich das Interview mit dem leitenden Ingenieur. Gefragt nach der räumlichen Abweichung des Durchstichs, reckte er seine rechte Hand in die Höhe und verkündete stolz: «Mit meiner Hand kann ich die Abweichung dokumentieren: Diese beträgt vertikal 1 cm (Fingerdicke) und horizontal 8 cm (Fingerlänge).» Hut ab vor dieser technischen Leistung! Hut ab aber auch vor all denen, die die Knochenarbeit geleistet haben.
Moment der Stille
Und dann wurde auch derer gedacht, die während des Tunnelbaus ums Leben kamen. Die Gedenkminute war der einzige Moment der (relativen) Stille während unseres fünfstündigen Aufenthaltes im Tunnel. Sonst herrschte Dauerbeschallung, für mich an der Schmerzgrenze. Und da ist mir nun beinahe ein weiterer bewegender Moment entfallen: Wie als erstes die kleine Statue der Hl. Barbara durch die Oeffnung im Bohrkopf gereicht und in eine Nische zu den Bildnissen der Verstorbenen gestellt wurde. Ich werde am 4. Dezember wieder Barbarazweige schneiden, um sie auf Weihnachten zum Blühen zu bringen.
Ein unvergesslicher Tag geht zu Ende
Und was gibt es noch zu berichten? Dass wir auf das Festessen im Tunnel verzichteten, um noch vor Mitternacht nach Hause zu kommen. Und das Malheur mit den Kopfhörern habe ich eingangs schon erwähnt.
So bleibt mir nur noch zu sagen, dass wir glücklich, tief beeindruckt und müde nach Hause zurück kehrten. (Stefan Kiesel)




















