Interview mit Peter Freiburghaus
SF Schweizer Film
Interview mit Peter Freiburghaus über seine Rolle in «Der Patient»
Peter Freiburghaus vom «Duo Fischbach» spielt im Film den Bauern Karli, welcher an Alzheimer erkrankt. Wie gelingt es einem Schauspieler, uns mit seiner Leistung zu verzaubern? Wie kann ein Mensch jemanden anderen glaubwürdig mimen? Wie viel Humor darf in die tragische Rolle eines Alzheimer-Patienten eingebracht werden? Peter Freiburghaus über die hohe Kunst des Schauspiels.
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Michael Brönnimann: Ist es schwierig, einen Alzheimer-Patienten in «Der Patient» zu spielen
Peter Freiburghaus: Ja, wir haben recherchiert, wir haben Bücher gelesen, haben Heime besucht und mit Patienten gearbeitet. Teilweise müssen die Lücken aber auch aus der Phantasie gefüllt werden: Wie stelle ich mir die Krankheit vor? Was, wenn ich immer häufiger Dinge vergesse? Es ist sicherlich nicht einfach, diese Rolle zu spielen; auf der anderen Seite, gibt es nichts, was einfach zu spielen wäre. Ob mein Auftritt glaubwürdig und authentisch wirkt, muss das Publikum entscheiden. Ich gebe mein Bestes, folge den Anweisungen der Regisseurin, mehr kann ich nicht machen.
MB: Spielt Humor eine Rolle?
PF: Ja, eine Art Galgenhumor, wenn ich mir überlege, dass ich auch selbst an Alzheimer erkranken könnte. Die Rolle an sich ist so angelegt, dass der Patient am Anfang des Films, als er noch gesund ist, eine verschmitzte und teilweise sehr autoritäre Persönlichkeit hat. Er ist kein Schwächling, kaum zurückhaltend und zeigt viel Initiative. Daraus ergibt sich der Kontrast zur Krankheit. Aus diesem Grund erscheinen gewisse Szenen humorvoll, komisch. Der Patient wird ein humorvoller Mensch, spielt gerne mit seinem Enkel und spielt Streiche.
MB: Ist der Film im Bezug auf die Krankheit eher tragisch oder lustig?
PF: Schon eher tragisch. Der Film ist ein Melodrama. Die Krankheit des Patienten wird schlimmer, und er weiss immer weniger von der eigentlichen Handlung des Films. Dem entgegen wirkt aber auch eine positive Geschichte.
MB: Wie gross ist die Gefahr, dass der Film wirkt, als ob er sich über Alzheimer lustig machen würde?
PF: Da sehe ich keine Gefahr. Natürlich gibt es Szenen, welche als komisch empfunden werden können. Teilweise ist die Handlungslogik von echten Patienten nicht nachvollziehbar, und daraus kann eine gewisse Komik entstehen, welche mit dem Film verbunden ist. Am Ende, was ist Komik? Komik sind «entstellte Szenen». Weil die Szenen hier aber echt sind, und eine reale Krankheit abbilden, wird weniger gelacht. Ich kann auch über jemanden, der stolpert, schmunzeln. Wenn sich die Person dabei verletzt, empfinde ich dies aber auch nicht mehr als komisch. Im Film «Der Patient» ist dies ähnlich. Ab und zu wird der Zuschauer schmunzeln, wenn der Patient zum Beispiel mit seinem Spiegelbild spricht. Wir hüten uns aber davor, dies komisch, respektslos zu inszenieren.
MB: Eine persönliche Frage: Du hast seit 20 Jahren keine Filmrollen mehr gespielt. Wie ist es zu dieser Pause gekommen?
PF: Mein letzter Film war der «Tatort – Kameraden» im Jahr 1990. Seither waren wir mit dem «Duo Fischbach» praktisch durchgehend ausgebucht. Wir mussten schon immer viele Termine, welchen wir gerne hätten nachkommen wollen, aus zeitlichen Gründen absagen. Aus diesem Grund haben wir beide uns kaum mehr um Filmrollen bemüht. Wir haben keine Castings besucht und wurden kaum mehr für Rollen angefragt. Der zusätzliche Aufwand wäre uns schlicht zu viel geworden. Da wir zurzeit mit dem «Duo Fischbach» weniger aktiv sind, konnte ich die Rolle in «Der Patient» übernehmen. Während den Dreharbeiten, welche einen Monat dauerten, hatte ich bloss zwei Auftritte, so war es möglich, beiden Verpflichtungen parallel nachzukommen.
MB: Du bist also doppelt engagiert: Einmal im «Duo Fischbach» und einmal in Film «Der Patient». Worin liegen die Unterschiede zwischen den beiden Schauspieler-Rollen? Worin liegt die Herausforderung, wenn Du zwischen diesen beiden Schauspielwelten wechselst?
PF: Es ist etwas ganz anderes, für den Film zu spielen. Im Film spielen wir immer nur kurze Sequenzen, einzelne Szenen, und wiederholen diese ständig. Für einen kurzen Moment mit Hochdruck spielen, dann wieder «herunterfahren», dann wieder mit Hochdruck spielen: Das ist ein gänzlich anderer Ansatz, als bei einem Live-Auftritt, der andauert. Im Grunde ist es aber dasselbe: Was passieren muss, damit etwas «von innen» zum Ausdruck kommt, damit ein Auftritt authentisch wirkt, das sind trotzdem die gleichen Mechanismen. Da gibt es keinen Unterschied zwischen dem Auftritt vor der Filmkamera und dem Auftritt vor einem Publikum. Der Unterschied ist eher technisch, weil ich vor der Kamera nicht auf Distanz spielen muss.
MB: Du sagst, eine Rolle muss tief aus Dir «heraus» kommen. Auch die Regisseurin von «Der Patient», Barbara Kulcsar, sagt, dass ihr die psychologische Tiefe ihrer Figuren am Herzen liegt. Wie erreichst Du das? Wie kannst Du einer Figur diese Tiefe verliehen?
PF: Da gibt es Unmengen von Büchern, durch die ich mich durchgearbeitet habe. Das lässt sich kaum in ein- oder zwei Sätzen beschreiben. Hinter dem Schauspiel steckt eine gewisse Methode, das sogenannte «Method Acting» von Lee Strasberg. Wenn ich eine Situation spiele, welche ich in dem Moment nicht erlebe, ich «tu ja nur so als ob». Und dieses «so tun als ob» kann ich aus verschiedenen Schichten von mir selbst nehmen. Ich kann eine Rolle sehr oberflächlich spielen, fast grimassierend, oder die Rolle eben aus tieferen Ebenen meiner Person heraus spielen. Dies erreiche ich, in dem ich mich an Situationen erinnere, welche ich selbst erlebt habe, und aus diesem Fundus heraus meine Rolle mit persönlichen Erfahrungen untermauere. Ich versuche, eine mentale Erinnerung wieder präsent zu haben, um das Gefühl zu vermitteln, welches ich darstellen will. Dazu gibt es auch eine Reihe von Übungen; doch zum soliden Schauspiel führt ein langer Weg: Viel Übung, viel Praxis. Je länger ich mich mit Schauspielen beschäftige desto besser weiss ich, wo ich die Grundlagen für meine Rolle in mir selbst finde. Darin liegt die ganze Kunst des Schauspiels, dies lässt sich nicht so kurz beschreiben.
MB: Oftmals hört man Gerüchte, dass Schauspieler auch neben dem Set in Ihren Rollen «bleiben» wollen. Wie ist das bei Dir? Verlässt Du Deine Rolle, sobald die Kamera ausgeschalten wird?
PF: Also, ich bin sicher nicht die Figur «Karli», welche ich spiele. Ich glaube auch nicht, dass ein Schauspieler das wirklich durchziehen kann. Ich brauche aber immer eine gewisse Konzentration, eine gewisse Ruhe. Ich kann nicht neben dem Dreh den Kaspar machen, und danach gleich wieder in die Rolle einsteigen. Gerade bei dieser Rolle, welche ernst und intensiv ist – ein Mann, welcher älter wird; auch ich werde älter, bin kaum jünger als die Figur, welche ich spiele – da brauche ich für mich etwas Ruhe, damit ich in der Gefühlswelt bleiben kann. Nicht in der Figur «Karli», sondern in mir, auch ich erlebe, wie ich älter werde, wie ich vergesslicher werde. In diesem Sinne stimmts bis zu einem gewissen Grad: ich möchte bei der Rolle bleiben können.
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