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Interview mit Susanne Bier

«Brothers – Zwischen Brüdern» war der zweite gemeinsame Film von Susanne Bier und Thomas Anders Jensen. Am Sundance Film Festival 2003 verriet die dänische Regisseurin anlässlich der Aufführung ihres ersten gemeinsamen Projekts, «Open Hearts», wie sie mit Jensen zusammenarbeitet, was sie von ihren Darstellerinnen und Darstellern erwartet und was der 11. September 2001 in ihr auslöste. Das Interview führte Michel Bodmer, Redaktionsleiter Film und Serien.


Michel Bodmer: Hatten Sie die Idee (zu «Open Hearts») und haben sie dann dem Drehbuchautor gegeben?

Susanne Bier: Anders Thomas Jensen und ich haben die Geschichte gemeinsam ausgedacht. Dann hat er das Drehbuch geschrieben, in meinem Keller. Ab und zu kam ich herunter, spielte ihm eine Szene vor, und daraufhin schrieb er eine andere Szene, die einiges von dem enthielt, das ich ihm schlecht vorgespielt hatte. Er hat es also geschrieben, aber die Geschichte haben wir gemeinsam gestaltet. Wir haben dann aber im Titelabspann die Funktionen im klassischen Sinne zugeordnet, weil es immer schwierig ist, zu sagen, wer was gemacht hat. So ist das gelaufen.

MB: Dann war er also vom ersten Entwurf an beteiligt?

SB: Ja, die ganze Zeit.

MB: Er wird ja nicht nur, aber vorwiegend mit Dogme assoziiert.

SB: Nein, eigentlich verbindet man seinen Namen eher mit Komödien, extremen Komödien («In China essen sie Hunde» u.ä.)


(...)

Ich glaube, beim Besetzen bin ich immer gleich vorgegangen. Wenn man sich meine Filme ansieht, erkennt man bei der Besetzung ein bestimmtes System. Ich mag zum Beispiel Darstellerinnen und Darsteller, die sexy sind. Das sind vermutlich alle. Ich finde, eine erotische Person – selbst wenn es nicht um erotische Szenen geht – hat immer eine Art Unfertigkeit an sich, welche ganz wichtig ist und mit der ich gerne arbeite.


MB: Was meinen Sie mit Unfertigkeit?

SB: Der Eindruck, dass da etwas noch nicht geklärt ist. Und das ist eine hervorragende Form von Energie für einen Schauspieler. Das gilt vermutlich für alle meine Darstellerinnen und Darsteller. Das ist vielleicht nicht augenfällig, doch ich sehe da ein System.


MB: Was erhoffen Sie sich von den Darstellern, wenn Sie schreiben oder den Film konzipieren? Was müssen die Darsteller hinzubringen?

SB: Zu dem Zeitpunkt denke ich noch nicht an Schauspieler. Es kann vorkommen, dass ich beim Schreiben an einen Schauspieler denke. Aber wenn Anders Thomas schreibt, denke ich nur an die Geschichte. Darauf bestehe ich: Hält die Geschichte zusammen, funktioniert sie? Ist sie nachvollziehbar, verstehen wir die Figur oder tut sie plötzlich etwas, das dazu führt, dass wir sie nicht mehr mögen? Solche Sachen. Wenn ich dann die Arbeit mit den Schauspielern beginne, erwarte ich, dass sie ihre Figur verteidigen. Immerzu. Ich erwarte, dass sie zur Figur in jeder Hinsicht treu sein wollen. Ich denke, das sind sie gewöhnlich auch.


MB: Im Presseheft steht ein Zitat von Ihnen, wonach «Open Hearts» von der Verletzlichkeit des Lebens handle, dass alles sich plötzlich verändern könne, und dass der 11. September Sie beim Drehen des Films beschäftigt habe. Was Sie eben gesagt haben, steht nicht gerade im Widerspruch dazu, aber die amerikanische Wahrnehmung von 9/11 sieht ganz anders aus als das, was Sie gerade gesagt haben. Die Amerikaner sprechen gerne von Opfern und sehen sich selbst auch gerne als Opfer. Sie sehen in diesem Zusammenhang Humor als nichts Heilsames an.

SB: Das stimmt.

MB: Als ich das hier las, zuckte ich innerlich etwas zusammen, denn die Amerikaner könnten Ihre Absichten missverstehen, wenn sie von dieser Assoziation lesen.

SB: Vielleicht tun sie das. Aber es ist doch wegen des 11. September zu einem Paradigmenwechsel gekommen, in unserem Teil der Welt. Das Gefühl von Sicherheit, dass Katastrophen nur in Asien oder Afrika passieren, verschwand. Sofort hatte man das Gefühl: Das sind wir, das kann uns passieren. Das kann dir und mir passieren. Ich denke, diese Art von Verletzlichkeit hat große Folgen gezeitigt. In ganz Westeuropa und Amerika. Ich will nicht sagen, dass mein Film sich damit auseinandersetzt, aber er handelt davon, dass wir einen Weg einschlagen und glauben, dass dieser immer so weiterführt, und plötzlich schlägt ein Riesenmeteor ein. Dann können wir nicht mehr weitergehen. Wir müssen einen anderen Weg einschlagen. Das ist brutal, hat aber auch etwas Schönes an sich. Es ist grausam und fantastisch. Es umfasst diese beiden Elemente.