«Einstein»-Specials
Dünger-Engpass
Die Lösung kommt aus der Toilette
Ohne Phosphordünger kann die Landwirtschaft nicht überleben. Doch die Phosphorquellen versiegen langsam. Fachleute arbeiten deshalb an Möglichkeiten, Phosphor zu rezyklieren – und setzen dabei auf Klärschlamm und Urin. Doch für die Umsetzung braucht es die Politik.
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Stolz deutet Christoph Bitterli auf die riesigen orange-braunen Aschehügel: «Hier lagern 150‘000 Tonnen Klärschlamm-Asche. Und 5 Prozent davon sind reines Phosphor!» Der Betriebsleiter der Abwasseranlagen des Kantons Baselland weiss, dass der Phosphor bares Geld wert ist: Der Rohstoff ist der wichtigste Bestandteil von Mineraldüngern und für die Landwirtschaft unersetzlich. Seit 10 Jahren sammeln die Verantwortlichen des Kantons Baselland die Ascherückstände aus der Kloake-Verbrennung und lagern sie auf der Sonderdeponie Elbisgraben in Liestal.
Ohne Aufbereitung ist Phosphor wertlos
Doch in dieser Form ist der Phosphor wertlos: In den verbrannten menschlichen Ausscheidungen steckt nicht nur der wertvolle Rohstoff, sondern auch gefährliche Schwermetalle, Hormone und Antibiotika. Als Dünger auf den Acker darf die Asche deshalb nicht. An Lösungen, wie man den Phosphor aus dem Klärschlamm zurückgewinnen kann, wird seit Jahren auf Hochtouren geforscht.
Einer, der ein Verfahren entwickelt hat, das funktionieren könnte, ist der Österreichische Ingenieur Ludwig Hermann. In Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin hat er eine Pilotanlage entwickelt. Mithilfe eines Drehofens und den richtigen Zusatzstoffen, die er unter die Klärschlamm-Asche mischt, gelingt es ihm, die Schadstoffe herauszulösen. Die giftstofffreie Asche lässt er anschliessend zu Granulat verarbeiten.
Eine Gruppe von Agronomen der ETH Zürich testet das Düngergranulat im Labor. Bis jetzt mit Erfolg, als nächstes stehen Feldversuche an.
Phosphorquelle Urin
Auch das Wasserforschungsinstitut EAWAG setzt auf Phosphor-Rückgewinnung. Das Institut hat sogenannte Trockentoiletten entwickelt, in denen Urin und Kot getrennt aufgefangen werden. Im Urin stecken 60% des Phosphors, den ein Mensch wieder ausscheidet. Dank den Spezialtoiletten kann der reine Urin gesammelt und der Phosphor mit einem speziellen Verfahren bereits nach wenigen Minuten ausgefällt werden. Aus 1000 Litern Urin lassen sich so 2 bis 3 Kilogramm Phosphor zurückgewinnen.

Mehr zum Thema Phosphor-Recycling heute Abend, 7. Juni, bei «Einstein». Um 21 Uhr auf SF1.
Diese Verfahren sind zwei von vielen, die darauf warten, wirtschaftlich eingesetzt zu werden. Doch derzeit ist importierter Phosphor-Mineraliendünger noch immer preisgünstiger als rezyklierter.
Dass es einen Phosphormangel geben wird, der die Kosten für die Düngerproduktion in die Höhe treiben wird, darüber sind sich alle einig. Uneinig sind sich die Experten nur über den Zeitpunkt. Die einen sprechen von 50, die anderen von 350 Jahren, bis die Lagerstätten ganz versiegen. Zum Engpass wird es weitaus früher kommen – und der wird auch die Schweiz treffen.
Bafu fordert politische Anreize
Rund 12‘000 Tonnen Phosphor importiert die Schweiz jedes Jahr. 90 Prozent davon gehen direkt in die Landwirtschaft. Mit geeigneten Recyclinglösungen könnte die Schweiz ganz auf Importe verzichten. Dies hat das Bundesamt für Umweltschutz, BAFU, untersucht und einen Vorschlag zur Erweiterung der Technischen Verordnung über Abfälle erarbeitet. Die Verordnungsrevision sieht Anreize zur Lagerung phosphorreicher Abfälle, Subventionen für den Bau von Rückgewinnungsanlagen und Abgaben auf Mineraldünger vor.
Kaarina Schenk vom BAFU ist zuversichtlich, dass der Vorschlag von der Mehrheit der Kantone und schlussendlich auch vom Bundesrat angenommen wird: «In der Schweiz ist man sich schon seit längerem bewusst, wie wichtig das Thema Phosphor-Recycling ist.» Sie ist überzeugt: «Es braucht eine Gesetzgebung, die die Richtung vorgibt und erste Anreize für Investoren und die Landwirte schafft.»



