Inhalt

Archiv Sendung vom 07.04.2011

Transportbehälter für Organe

Transportbehälter für Organe (SRG/Oscar Alessio)

DOK am Donnerstag, 07.04.2011, 20:00 Uhr auf SF1

Warten auf das zweite Leben

Organmangel und Transplantation in der Schweiz

Ein Film von Belinda Sallin

Die Situation ist dramatisch: Letztes Jahr starben in der Schweiz 59 Menschen, weil es für sie kein Spenderorgan gab. Insgesamt 1700 Menschen standen auf der Warteliste für ein Organ aber nur 98 Menschen waren gewillt, bei ihrem Tod ihre Organe zu spenden. Weshalb diese Zurückhaltung? Was geben wir, wenn wir ein Organ spenden? Ist es ein Muskel, ein bisschen Gewebe oder ist es ein Teil unserer Persönlichkeit? Was spricht für und was spricht gegen eine Organspende? DOK spricht mit Betroffenen und mit führenden Transplantationsmedizinern.

Wiederholungen

08. April 2011 um ca. 01:50 Uhr auf SF1
08. April 2011 um ca. 11:00 Uhr auf SF1
12. April 2011 um ca. 05:35 Uhr auf SF1
26. April 2011 um ca. 04:45 Uhr auf SF1
04. August 2011 um 13:15 Uhr auf 3sat
12. September 2011 um ca. 11:10 Uhr auf SF1

Nicola Heyser wartet auf ein Herz

Nicola Heyser wartet auf ein Herz

Für die ehemalige Spitzensportlerin und Ausbildnerin Nicola Heyser war ein Leben ohne Dressurreiterei kaum denkbar - bis sie eine schwere Herzkrankheit zum Aufhören zwang. Seither ist der Alltag für die alleinerziehende Mutter einer 6-jährigen Tochter immer mehr zum Kraftakt geworden, jeder Schritt zur Qual. Es ist eine Frage der Zeit: Nach einer Herzoperation sind die medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft und nur eine Herztransplantation kann die bald 40-jährige noch retten. Nicola Heyser erzählt, was ein Leben auf der Warteliste bedeutet und spricht darüber, dass sie sich noch vor einem Jahr eine Transplantation nicht vorstellen konnte. Ist ein normales Leben nach einer Transplantation überhaupt möglich? Als nach Monaten des Wartens die Nachricht kommt‚ ‚wir haben ein Herz für Sie‘, mischt sich in die Freude und Erleichterung auch Angst. Für Nicola Heyser beginnt eine emotionale und körperliche Berg- und Talfahrt.

Michaela Manser überlegt sich, ob sie eine Lungentransplantation machen will

Michaela Manser überlegt sich, ob sie eine Lungentransplantation machen will

Seit Geburt leidet Michaela Manser an Cystischer Fibrose, einer Stoffwechselkrankheit. Es wird langsam eng für die 20-jährige, die Krankheit zerstört ihre Lunge und nimmt ihr buchstäblich den Atmen. Statistisch gesehen, hat sie nicht mehr lange zu leben – ausser sie erhält eine gesunde Lunge. So setzt sich Michaela Manser eingehend mit der Möglichkeit einer Lungentransplantation auseinander. Keine leichte Entscheidung und der Weg auf die Warteliste ist mit zahlreichen Untersuchungen gepflastert. Verkraftet ihr Körper und ihre Psyche eine Transplantation? Erhöht sich ihre Lebenserwartung und ihre Lebensqualität? Spenderorgane sind kostbar, niemand will riskieren, das rare Gut falsch einzusetzen und zu verlieren.

Die Frau von Alexander Grass hat vergeblich auf eine Leber gewartet

Die Frau von Alexander Grass hat vergeblich auf eine Leber gewartet

69 Menschen starben 2009 während sie auf ein Organ gewartet haben. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch und hinter jedem dieser Menschen stehen ganze Familien, stehen Freunde und Bekannte, die mit den Wartenden leiden und schliesslich trauern, wenn die Zeit nicht reicht. Fast zwei Jahre hat die Frau von Alexander Grass auf eine Leber gewartet, vergeblich. Alexander Grass spricht über Tage der Hoffnung und Zeiten der Verzweiflung.

Die Mutter von Karin Steiner hat die Frage der Organspende zu Lebezeiten entschieden.

Die Mutter von Karin Steiner hat die Frage der Organspende zu Lebezeiten entschieden.

Den Angehörigen den Tod eines Patienten mitzuteilen, bleibt wohl eine der schwierigsten Aufgaben für Ärztinnen und Ärzte. Aber wie erklären, dass jemand hirntot ist? Und wie fragen, ob eine Organspende in Frage käme? Sind für Angehörige, die unter Schock stehen, Entscheidungen dieser Tragweite überhaupt möglich? Vor einem Jahr hat Karin Steiner ihre Mutter verloren. Sie erzählt, wie dankbar sie war, dass sie die Entscheidung für oder gegen eine Organspende nicht selber treffen musste.

Video          Interview mit Prof. Dr. Paul Mohacsi

Wie lange hält ein transplantiertes Herz?

Ausführliches Interview mit Prof. Dr. Paul Mohacsi, Leiter Bereich Herzinsuffizienz und Herztransplantation des Berner Inselspitals 

Belinda Sallin

Belinda Sallin

Die Autorin

Belinda Sallin, geboren 1967 in Fribourg, Studium der Kommunikationswissenschaften, der Deutschen Literatur und Philologie. 1995 -1996 VJ und Moderatorin bei TeleBärn, 1996 - 1998 Redaktorin Lipstick, 1998 - 2002 Redaktorin und Produzentin Rundschau, 2002 - 2006 Redaktionsleiterin Rundschau. Seit 2007 Redaktorin bei DOK (Streit um das Erbe, Anatomie einer Arztserie, Gesucht Gemeindepräsident/in, Die Jagd nach Öl, König Fussball, Kaiser Sepp)

Das Team

Autorin: Belinda Sallin
Kamera: Andreas Baumberger, Roberto Antonilli
Ton: Markus Graber
Schnitt :Daniel Stössel
Vertonung: Hugh Gordon
Produktionsassistenz Yvonne Sjöberg
Redaktion: Nathalie Rufer
Leitung: Christoph Müller

Links und Büchertipps

Swisstransplant. Schweizerische Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation

Bundesgesetz über die Transplantation von Organen, Geweben und Zellen (Transplantationsgesetz), Stand 1. Juli 2007: www.admin.ch'

Hofer, Pascal: Das Recht der Transplantationsmedizin in der Schweiz. Rechtsdogmatische, rechtspolitische und rechtsvergleichende Aspekte. Berlin 2006.

Ach, J.S; Anderheiden, M.; Quante, M.: Ethik der Organtransplantation. Erlangen 2000.

Religionen zur Organspende - Ein kurzer Überblick

Im Grundsatz stehen die meisten Religionen der Schweiz einer Organspende positiv gegenüber. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass das Leben schützenswert sei und durch Organspenden gerettet oder verbessert werden könne. Freiwilligkeit des Spenders und Respekt gegenüber dem Verstorbenen sind dabei die wichtigen Voraussetzungen.

Katholiken
Der Katechismus der katholischen Kirche empfiehlt die Organspende. Sie kann Leben verlängern oder die Lebensqualität eines anderen Menschen erhöhen, weshalb sie ein rückhaltloser Dienst am Nächsten sei. Der Spender muss aber zu Lebzeiten seine freie und bewusste Zustimmung geben.
http://www.kath.ch

Protestanten
Der Schweizerisch Evangelische Kirchenbund SEK akzeptiert Organspenden. Der Spender muss dazu aber bewusst eingewilligt haben. Eine gemeinschaftliche Verpflichtung zur Organspende, wie sie die Widerspruchslösung fordert, sei ethisch und theologisch kaum begründbar.
http://www.sek.ch

Juden
Eine Organspende wird von der Mehrheit der rabbinischen Entscheidungsträgern als "Akt der Nächstenliebe auf höchstem Niveau" angesehen. Bei Lebendspenden muss die potentielle Gefahr, die für den Spender besteht, in die Überlegungen miteinbezogen werden. Sogenannte Leichenspenden von "Hirntoten" sind umstritten, da bei verschiedenen rabbinischen Autoritäten unterschiedliche Ansichten über die Definition des Todes bestehen.
http://www.swissjews.ch

Muslime
Unter den Rechtsgelehrten des Islam gibt es Befürworter und Gegner der Organtransplantation. Der Koranvers aus der Sura "Maide" besagt: "...und wer einen Menschen am Leben erhält (rettet), dem sei so, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten". Andererseits sei der Körper eine Leihgabe Allahs, über den nicht frei verfügt werden dürfe. Zwischen der Spenderfamilie und dem Empfänger darf kein Geld fliessen.
http://www.sig-net.ch

Buddhisten
Der Buddhismus betrachtet den menschlichen Körper als eine Art Werkzeug, von dem sich das Bewusstsein im Moment des Todes trennt. Es spricht daher nichts gegen eine Organspende. Da aber der Todesprozess über den festgestellten Hirntod hinaus dauere, wird empfohlen, mindestens eine halbe Stunde zu warten, bis man den Toten berührt.
http://www.sbu.et

Debatte zur Widerspruchsregelung  in der Schweiz
Derzeit fordern gleich zwei Motionen eine sogenannte Widerspruchsregelung, wie sie bereits im Ausland angewendet wird: Jeder soll grundsätzlich ein Organspender sein – es sei denn, er lehne dies ausdrücklich ab. Die Postulate von Felix Gutzwiller und Laurent Favre wurden im November 2010 vom Bundesrat zur Annahme empfohlen.

Die Widerspruchsregelung führt in einigen Glaubensrichtungen zu Kontroversen.