Archiv Sendung vom 27.06.2012
DOK am Mittwoch, 27.06.2012, 22.55 Uhr auf SF1
Spaniens gestohlene Kinder
In Spaniens Kliniken und Geburtshäusern wurden jahrzehntelang Neugeborene gestohlen und verkauft - und dies in grossem Stil. Bis zu 300 000 Babys sollen während der Franco-Ära und bis in die späten 80er Jahre hinein von Nonnen, Priestern und Ärzten verkauft worden sein. Nach jahrelangem Drängen von Betroffenen ermittelt nun endlich die Staatsanwaltschaft, dabei kommen erschütternde Familientragödien ans Tageslicht.
Der Kinderraub begann in den 1940er Jahren unter dem Franco-Regime. Damals wurden die Kinder der politischen Gegner geraubt und einem Ideologisierungsprogramm unterzogen. Oftmals waren es Kinder von inhaftierten Müttern, die Väter wurden deportiert und umgebracht. Was damals als Massnahme gegen den Kommunismus gedacht war, entwickelte sich nach der Diktatur zu einem lukrativen Geschäft: Einige Schätzungen gehen von bis zu 300'000 geraubten Kindern aus. Die Kirche und Ärzte waren dabei Vermittler oder selbst aktive Betreiber des Kinderhandels, der bis in die 90er-Jahre andauerte.
Den oft ledigen Müttern wurden die Babys nach der Geburt zu Untersuchungen abgenommen. Daraufhin hiess es, das Kind sei leider verstorben. Die Klinik beteuerte, sie würde sich um alles kümmern, und so bekamen die meisten Mütter ihre vermeintlich toten Kinder nie zu sehen. Oder ihnen wurden zum Beweis tiefgefrorene Babyleichen vorgeführt, während ihr Kind an reiche Ehepaare weiterverkauft wurde. Die meisten der verschleppten Kinder blieben Jahrzehnte lang im Unwissen
Antonio Barroso erfuhr vor vier Jahren von der wahren Identität seiner Eltern. Ein Freund sagte ihm, sein im Sterben liegender Vater habe gestanden, dass er und Antonio als Kinder gekauft worden waren. Heimlich machte er einen DNA-Abgleich – der Befund war negativ. Seine Mutter gestand ihm daraufhin, dass sie und ihr Mann ihn seinerzeit für 200.000 Peseten von einer Nonne gekauft hätten. Soviel kostete 1979 eine Wohnung.
Antonio ging an die Öffentlichkeit, woraufhin sich immer mehr Betroffene bei ihm meldeten. Er gründete die Stiftung ANADIR und reichte eine mit 261 Fällen dokumentierte Sammelklage ein. Ob es zu Verurteilungen kommen wird, ist ungewiss. Einerseits dürften viele Fälle verjährt sein. Andererseits sterben die betagten Verantwortlichen, die oft die einzigen Zeugen sind, weg. Und obwohl in den meisten Fällen Priester oder Nonnen involviert waren, hüllt sich die katholische Kirche in hartnäckiges Schweigen.
Doch viele Betroffene geben die Hoffnung nicht auf. Vor allem setzen sie alles daran, ihre leiblichen Eltern, beziehungsweise Kinder zu finden. Wie Luisa, die dank DNA-Tests nach 29 Jahren endlich ihre Tochter in die Arme schliessen konnte.







