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Archiv Sendung vom 27.09.2012

Im Luzerner Kinderheim Rathausen wurden Kinder jahrzehntelang misshandelt.

Im Luzerner Kinderheim Rathausen wurden Kinder jahrzehntelang misshandelt (SRF)

DOK am Donnerstag, 27.09.2012, 2005 Uhr auf SF 1

Kindergeschichten

Misshandelt nach göttlichem Recht

Jahrzehntelang weigerten sich die Behörden und die Kirche, über das Geschehene zu sprechen, es wurde verschwiegen und geleugnet – und selbst die meisten Betroffenen wagten aus Scham nicht darüber zu sprechen: über die Misshandlungen und den Missbrauch, den sie in Kinderheimen erlitten haben. Erstmals nun hat ein Schweizer Kanton, Luzern, die dunkle Geschichte seiner Kinderheime wissenschaftlich aufgearbeitet. Anlass dazu war auch der Dokfilm „Das Kinderzuchthaus“ von Beat Bieri, in welchem 2010 zum ersten Mal einstige Zöglinge der Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen über ihre grausame Kindheit erzählten.

Eduard Steiner, einstiger Rathausen-Zögling, verspürt angesichts der Luzerner Kinderheim-Studie eine „grosse Erleichterung“: „Endlich kommt alles auf den Tisch.“

Eduard Steiner, einstiger Rathausen-Zögling, verspürt angesichts der Luzerner Kinderheim-Studie eine „grosse Erleichterung“: „Endlich kommt alles auf den Tisch.“ (SRF)

Endlich kommt alles auf den Tisch“, sagt der einstige Kinderheim-Zögling Eduard Steiner, „ich spüre eine grosse Erleichterung.“ Steiner, der seine ganze Kindheit im Heim Rathausen verbracht hatte, versuchte immer wieder, Behörden- und Kirchenvertreter auf das erlittene Unrecht aufmerksam zu machen, vergebens. Erst nachdem Steiner und weitere Betroffene im SF-Dokfilm ihre erschütternden Geschichten schilderten, handelte der Kanton Luzern.

Armin Meier, einstiger Zögling des Luzerner Kinderheimes Sonnenberg: „Ich hatte keine Kindheit. Und diese Lücke spürte ich das ganze Leben lang

Armin Meier, einstiger Zögling des Luzerner Kinderheimes Sonnenberg: „Ich hatte keine Kindheit. Und diese Lücke spürte ich das ganze Leben lang (SRF)

Weitere einstige Heimzöglinge fanden den Mut, einer Luzerner Historikerkommission über ihre Kindheit im Heim zu berichten. Über 50 ausführliche Gespräche bilden die Basis der Studie. Das Resultat ist niederschmetternd: Nicht nur in Rathausen, auch in anderen Luzerner Heimen wurden Kinder brutal misshandelt, viele wurden sexuell missbraucht, meist von geistlichem Personal – und kaum je wurde ein Täter zur Rechenschaft gezogen.

Das Krienser Kinderheim Sonnenberg wurde 1944 notfallmässig geschlossen, weil der Heimleiter Kinder misshandelt hatte

Das Krienser Kinderheim Sonnenberg wurde 1944 notfallmässig geschlossen, weil der Heimleiter Kinder misshandelt hatte (SRF)

Das einzige Tröstliche an diesen „Kindergeschichten“ ist, dass sie sich bereits vor Jahrzehnten zugetragen haben: schwergewichtig in den vierziger und fünfziger Jahren. Die Regierung des Kantons Luzern und die katholische Landeskirche haben sich für ihre Versäumnisse entschuldigt. Und einstige Zöglinge zeigen sich heute erleichtert darüber, dass man nach Jahrzehnten des Schweigens ihre Heimgeschichten zur Kenntnis nimmt. Nach dem Kanton Luzern müssten nun eigentlich auch die restlichen Kantone die Geschichte ihrer Kinderheime aufarbeiten.
„Kindergeschichten“ ist eine aktualisierte Fassung des Dokfilms aus dem Jahre 2010

Beat Bieri

Beat Bieri (SRF)