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Archiv Sendung vom 30.11.2011

Filmemacher Mark Franchetti in der Altstadt von Neapel

DOK am Mittwoch, 30.11.2011, 22.50 Uhr auf SF1

Im Fadenkreuz der Camorra

Von den drei Mafia-Systemen in Italien ist die Camorra das blutrünstigste. Sie beherrscht vor allem die Stadt Neapel, aber ihre Arme reichen weit darüber hinaus. Kaum jemand entkommt ihr. Doch es gibt Mutige, die es trotzdem versuchen. BBC-Journalist Mark Franchetti hat einige von ihnen in Neapel getroffen und zeigt ihren unermüdlichen und gefährlichen Kampf gegen die Mafia, die ihre Stadt erstickt und vergiftet.

Die Camorra hat in den letzten 30 Jahren über 3000 Tote zu verantworten.

Die Camorra mag weniger berüchtigt sein als die sizilianische Cosa Nostra oder die kalabrische 'Ndrangheta, aber sie ist um einiges blutrünstiger. In den vergangenen 30 Jahren war sie verantwortlich für mehr als 3000 Tote, die vor allem Auftragsmorden zum Opfer fielen. Trotz häufiger Razzien ist die Camorra über die Jahrzehnte zu einer der weltweit führenden Gruppen des organisierten Verbrechens geworden. Sie mischt in Wirtschaft und Politik mit, im Drogenhandel, bei Schutzgelderpressungen und vor allem auch in der illegalen Lagerung von giftigem Industriemüll. Ihre Clans haben Neapel und seine Umgebung fest im Griff. In manchen Gegenden haben sie de facto den Staat ersetzt.

Viele Camorramitglieder wurden hier in «Le Vele» rekrutiert.

BBC-Journalist Mark Franchhetti ging in die süditalienische Stadt, um herauszufinden, wie die Camorra funktioniert und warum so viele Jugendliche ihrem Mythos erliegen. Giuseppe, der mehr als 20 Jahre lang ein gefürchteter Camorrista war, erklärt seine Faszination so: Wenn du erst einmal Teil der Camorra wirst, kommt sie vor allem anderen, sogar vor deiner eigenen Familie. Ich habe das Gangsterleben geliebt und liebe es immer noch. "

Regisseur Mark Franchetti mit Fabrikbesitzer Pietro Russo (l.), der rund um die Uhr bewacht wird

Einer der mutigen Neapolitaner, der sich der Camorra widersetzt, ist Pietro, der Besitzer einer Matratzenfabrik. Als die Camorra Schutzgelder von ihm verlangt, filmt er mit versteckter Kamera seine Zahlungen an den Clan. Die heimlichen Aufnahmen und seine Aussage vor Gericht bringen 36 Camorristi hinter Gitter. Seither braucht er Polizeischutz rund um die Uhr, und seine Frau hat ihn verlassen. Trotzdem würde er wieder so handeln.

Allesandra Clemente mit Filmemacher Mark Franchetti

Auch die 24-jährige Alessandra bietet der Camorra die Stirn. Sie war 10 Jahre alt, als ihre Mutter im Kreuzfeuer zweier rivalisierender Clans getötet wurde. Der Mord schockierte 1997 ganz Neapel. Alessandra hat die Tragödie dazu motiviert, Rechtswissenschaft zu studieren. Sie will sich als Richterin für Camorra-Fälle spezialisieren. „Was meiner Familie passiert ist, hat mir einen starken Glauben ans Gesetz gegeben. Mit meinem Kampf gegen die Camorra ehre ich das Andenken meiner Mutter. Wenn wir zusammenhalten, können wir Neapel befreien."

Mark Franchetti mit der Strafrichterin Simona di Monte

Ihr Vorbild ist Staatsanwältin Simona Di Monte. Sie hat schon Dutzende Camorristi hinter Gitter gebracht. Als eine der wichtigsten Staatsanwälte gegen die Camorra steht auch sie ständig unter Polizeischutz. Aber sie macht sich keine Illusionen: "Kann ich mir Neapel ohne die Camorra vorstellen? Angesichts meines Jobs sollte ich Ja sagen. Aber ich kann es nicht. Zumindest glaube ich nicht, dass ich das noch erleben werde."