Archiv Sendung vom 13.05.2004
IM SOG DER SCHULDEN - Unterwegs mit dem Betreibungsbeamten
Es sind verschwiegene Abgründe. Besetzt mit Scham und Gesichtsverlust. Kein Schweizer redet gerne darüber. Doch betroffen ist schon jeder zehnte Haushalt, ja sogar jeder vierte Jugendliche: Schulden, Zahlungsunfähigkeit, Leben auf Pump. Das aktuellste Tabu hierzulande.
Zweitausstrahlungen:
14. Mai 2004 um 13.15 Uhr auf SF1 und am
30. Mai 2004 um ca. 10.30 Uhr auf SF2
2003 war erneut ein trauriges Rekordjahr. Weit über 2 Millionen Zahlungsbefehle mussten ausgestellt und über 1 Million Pfändungen vollzogen werden. Was für Geschichten verbergen sich hinter der Statistik? DOK ist mit einem jungen Betreibungs- und Pfändungsbeamten unterwegs und erlebt hautnah, wie Menschen aufs Existenzminimum gesetzt, Vermögenswerte eingezogen, Wohnungen zwangsgeräumt und säumige Zahler frühmorgens von der Polizei geweckt und dem Betreibungsamt überstellt werden.
Wie kommt man in die Schulden? Ist es Schicksal, ist es Selbstverschulden? Wie wohl fühlt man sich mit Hunderten von Betreibungen? Wird man Schulden je los oder verfolgen sie einen bis ans Lebensende? DOK-Filmer Pino Aschwanden hat Junge, Ältere, Familien und Singles gefunden, die freimütig berichten, wie gut und wie schlecht sie sich mit ihren Schulden arrangiert haben. Geschichten von der Rückseite des Lebens in der Schweiz.
Making of „Im Sog der Schulden“: Gibt es noch Tabus in der Schweiz?
Man liest und ist geschockt: Die Zahl der Betreibungen habe sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, die Zahl der Pfändungen sogar innert fünf Jahren.
Fast zweieinhalb Millionen Zahlungsbefehle seien im Jahre 2003 den Schweizer und Schweizerinnen zugestellt worden. Weit über eine Million Mal hätte der Pfändungsbeamte ausrücken müssen, um zahlungsunfähige Schweizer und Schweizerinnen zu pfänden, das heisst, entweder Teile vom Lohn wegzunehmen oder Sachwerte in den Wohnungen zu beschlagnahmen – zur Befriedigung der Gläubiger.
Die reiche Schweiz hat Schlagseite. Vielen geht es finanziell miserabel. Nein, nicht nur den Arbeitslosen, den Geschiedenen, den Selbständigerwerbenden, auch Ärzte, Piloten, Pfarrer und andere mit weissem Kragen seien von Geldforderungen umzingelt, müssten Schulden machen, würden gepfändet. Caritas meldet, dass 850'000 Menschen in der Schweiz an der Grenze zur Armut leben (das sind 12% der Bevölkerung).
Schulden, Zahlungsunfähigkeit, Geldnot: ein Thema, das relevant scheint. Als Autor mache ich mich auf, Menschen zu suchen, die mir von ihrer finanziell angeschlagenen Situation berichten. Ich finde viele, ich höre die eine oder andere Geschichten – aber ich höre sie nur privat, Kamera unerwünscht. Ich spüre, über Geld spricht man nicht, über fehlendes oder geschuldetes Geld sowieso nicht, und schon gar nicht öffentlich.
Nach mehreren abschlägigen Bescheiden von Privatpersonen mache ich mich auf, ein Betreibungsamt zu finden, das gewillt ist, mir zu helfen. Beim Betreibungsamt Winterthur I finde ich Gehör. Der Stadtammann und Betreibungsamstsvorsteher Roland Isler bietet nicht nur Hand, sondern bringt mich zusammen mit dem Leiter des Pfändungsbereichs: Rolf Leuenberger. Mit ihm kann ich nun ein paar Wochen auf Tour gehen. Ich lerne Menschen unterschiedlichster Herkunft kennen. Junge, Alte, Millionäre, Alleinerziehende, Politiker, Fahrende. Ich versuche, sie für mein DOK-Projekt zu gewinnen. 99 von 100 lehnen dankend ab. Ich muss den bereits festgelegten Sendetermin verschieben. Ich frage soziale Institutionen und Schuldenberatungsfirmen an, mir bei der Suche nach geeigneten Protagonisten zu helfen. Doch fast alle Angefragten haben Angst, Angst, sie könnten ihr Gesicht verlieren, wenn sie öffentlich bekennen, dass sie Schulden haben. Sie finden es gut, dass das Fernsehen etwas über das Thema macht, so viele seien ja heute in Geldnot. Aber selber reden? Leider nein.
Nach über drei Monaten habe ich den DOK dann doch fertig stellen können. Die Menschen, die ich porträtieren durfte, sind von rückhaltloser Offenheit, wohl noch nie haben Schweizer und Schweizerinnen in der Öffentlichkeit so ehrlich, ungeschminkt und ohne Retouchen über ihr Leben mit Schulden gesprochen. Ärzte, Piloten, Politiker sind nicht dabei. Ihre Scham war unüberwindbar. Geredet haben aber Unternehmer, Junge, eine Familie und Menschen, denen es mal sehr gut ging.
Geldnot, Zahlungsunfähigkeit, Schuldenhaben in der Schweiz: Diese immer häufiger anzutreffenden und beharrlich tabuisierten Zustände haben mit dem Film ein Gesicht bekommen. Eines, das berührt, nachdenklich stimmt, Hirn und Herz anspricht. Die Geschichten können unsere Augen öffnen. Wer sieht, kann schlechter übersehen.
Ein Film von der Rückseite des Lebens in der Schweiz.
Der Autor:
Pino Aschwanden, 1946 in Altdorf geboren, seit 1977 mit Unterbrüchen bei SF DRS als Redaktor, Autor und Produzent verschiedenster Sendungen (u.a. „Music Scene“, „Plattform“, „Szenenwechsel“, „SonntagsMagazin“, „Traumziel“, „Kidz“, „Kehrseite“, „Quer“, „Überland“, „Mittagsmagazin“,
„SF Spezial Sommerreisen“: Amerika - Südliches Afrika - Schwarzes Meer - Australien,
„SF Spezial Langzeitreportagen“: Matterhorn - Thorberg - Langstrasse - Deutschschweiz privat - Samstagnacht live,
„DOK“:
- Schöner Lieben (1996)
- Wenn Mütter anschaffen (2001)
- Im Bett mit 5 Frauen (2002)
- Gefeiert und gefeuert (2003)
- Im Sog der Schulden (2004)
Beratung und Infos - der Schuldenlink
Zahlen, Daten, und Dutzende von Links zu interessanten und nützlichen Informationen findet man bei www.schulden.ch . Dahinter verbirgt sich der Dachverband Schuldenberatung, 27 schweizerische Organisationen treten da gebündelt auf.











