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Archiv Sendung vom 16.08.2010

Best of DOK am Montag, 16.08.2010, 22:20 Uhr auf SF1

Best of DOK: Das Wunder von Andermatt

Wie Samih Sawiris das Gebirgsdorf umkrempelt

Ein Film von Alain Godet

Andermatt steckt in einer schweren Strukturkrise: das Militär hat sich zurückgezogen, Hotels und Seilbahnen müssen dringend modernisiert werden. Die Jungen sehen keine Zukunft mehr und wandern ab. Nur ein Wunder kann das Bergdorf noch retten, sagen die Einheimischen.
Da taucht aus dem fernen Aegypten ein Messias auf: der Milliardär und Bauunternehmer Samih Sawiris will ein „Neu-Andermatt“ inklusive 18-Loch Golfplatz mit Fünfstern-Hotels, noblen Eigentumswohnungen und teuren Villen bauen.

Das Wunder von Andermatt

Wiederholungen:

17. August 2010 um ca. 04:45 Uhr auf SF1
23. August 2010 um ca. 11:00 Uhr auf SF1

DVD Kauf

Hundert Jahre lang garantierte das Militär und der Tourismus dem Bergdorf auf 1440 Meter Höhe ein solides Auskommen. Doch der Waffenplatz und die Gotthardfestungen wurden geschlossen, die Hotellerie ist längst nicht mehr auf dem neuesten Stand und die Skiliftanlagen genügen den modernen Anforderungen in keiner Weise mehr.

Die Talschaft fühlt sich von der Armee im Stich gelassen. Die Abwanderung ist enorm, Ratlosigkeit und Resignation machen sich breit. Woher soll das viele Geld für die unaufschiebbaren Investitionen kommen?
Da tritt der Aegypter Samih Sawiris auf den Plan. In El Gouna am Roten Meer hat er eine kolossale Ferienstadt für 20‘000 Sonnenhungrige gebaut.

Sein Markenzeichen ist das Handy, mit dem er pausenlos seine weitverzweigte Firma Orascom managt.
Sawiris stammt aus einer der reichsten Familien im Nahen Osten und ist entschlossen, in der Schweiz sein erstes europäisches Grossprojekt durchzuziehen.
Das geplante Luxus-Resort mit einem Investitionsvolumen von über 1,2 Milliarden Franken umfasst 490 Appartmentwohnungen, 20-30 Villen und sechs Luxushotels. Sawiris will aus dem maroden Andermatt eine europäische Top-Destination machen.

Im Nu hat der charismatische Investor aus der Dritten Welt die Bevölkerung in der Tasche und das Abenteuer kann beginnen: Andermatt erfindet sich neu.
Alpen-Disneyland oder Vorzeigemodell für den schweizerischen Tourismus?

Der Investor aus Aegypten begibt sich auf einen riskanten Husarenritt. Gibt es überhaupt Käufer für die Eigentumswohnungen und Villen in diesem windigen Tal? Und was, wenn die gross angelegte Vision von Sawiris scheitert? Stehen dann anstatt Betonbunker der Armee Hotel-Bauruinen herum? Wie stellt sich die Bevölkerung und die Bauernschaft zu dem Projekt? Wird da ein lokaler Berglerstamm von einem globalen Investor vereinnahmt?

Und wie kommt es überhaupt, dass ein reicher Pharaonensohn aus der Dritten Welt den Schweizern vordemonstrieren will, wie aus einem kriselnden Bergdorf eine schicke Luxusdestination wird? Fatah Morgana oder realistische Zukunftschance für Andermatt?
Der Dokumentarfilmer Alain Godet hat während zwei Jahren Sawiris in der Schweiz und in Ägypten begleitet und die Stimmung im Dorf festgehalten.

Der Autor

Geboren 19.12.1951 in Zofingen. 1972-82 Studium der Ethnologie, Geschichte, Theologie und Philosophie in Basel und Frankfurt a. Main. Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule, Habermas, Apel.
Lizentiat in Ethnologie über anarchische Stammesformen in Westafrika, Dissertation über die magische Potenz der Einbildungskraft. Ausstellungen für die Universitätsbibliothek Basel.
Forschungsarbeit und Publikationen auf dem Gebiet der Hexerei und des Rosenkreuzertums.
1984-1990 Live-Regisseur bei SFDRS.
Ab 1990 Beginn eigener dokumentarischer Arbeiten, zumeist über soziale Themen, Musik und Kunst, die von der Haltung getragen sind, das Gegenüber zuallererst zu verstehen, Widersprüche und Schattenaspekte zusammen mit diesem Du herauszuarbeiten.
Oder als Metapher formuliert: gemeinsam ein Stück Wegstrecke zurückzulegen und da und dort, wer weiss, auf ein Stück Unerkanntes, bisher Verborgenes zu stossen.
Mit der Intention, dass die Protagonisten in dem von mir entworfenen Bildnis ihr eigenes Leben wiederkennen.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, den „Macher“ hintenan zu setzen und der Bescheidenheit ihr Recht zu geben: geduldig hinschauen, verstehen, aufzeigen. Und zu staunen. So manche Facetten meiner eigenen Persönlichkeit spiegeln sich in den Menschen, mit denen ich dokumentarisch gearbeitet habe.
Wahrheit und Subjektivität sind Pole, die im Laufe der Jahre sich für mich immer komplexer miteinander verschränkt haben, die „unscharfen Bedeutungssäume“ der Bilder und Töne tragen das ihre dazu bei, bescheiden zu bleiben.
Es ist, als wäre da eine Art Verliebtheit in die schicksalshaften Tatsächlichkeiten der Menschen und der Welt, die hinter meinen Arbeiten steht und den „romancier du réel“ evoziert und provoziert.
Und dergestalt die Würde der Protagonisten zum Glück des Filmemachers werden lässt.