Karin Bauer: Krisenalarm - Was viele dieses Jahr durchmachen müssen
Notizen zum Film 'Der Patron, die Arbeiter und die Krise'
Heute vor einem Jahr türmten sich Videobänder aus aller Welt vor mir, aus denen ich eine Chronologie des Bankenkollapses schneiden sollte. Da hatte die sogenannte Finanzindustrie die sogenannte Realwirtschaft in eine apokalyptische Krise hineingeritten, über deren Ausgang für einmal selbst dekorierte Experten zu schweigen vorzogen. Ich sass also da, schnitt Aussagen wie „ich habe nie geglaubt, dass das System pervers ist“ des damals noch pensionierten Herrn Grübel zusammen und fragte mich, wie es den restlichen 95% aller Angestellten wohl ergehen werde, jenen Angestellten eben, die in der realen Wirtschaft tätig sind.
Im Januar begann ich, nach einem KMU in der Textilindustrie zu suchen, die die wirtschaftlichen Schwankungen jeweils als erste spürt. Gar nicht so einfach: Einige Geschäftsführer wollten erst das Mutterhaus im Ausland oder den Verwaltungsrat anfragen; andere waren nicht bereit, sich auch im privaten Umfeld filmen zu lassen. Schliesslich stiess ich auf den so kämpferischen wie unkonventionellen Patron Albert Gunkel: Seine Weberei Keller AG mit 80 Angestellten trotzt dem Strukturwandel erfolgreich seit 148 Jahren, weil sie sich auf luxuriöse Vorhangstoffe aus ausgefallenen Materialen spezialisiert hat.
Die Dreharbeiten der letzten zehn Monate wiederspiegeln das Wechselbad der Gefühle, denen der Chef und seine Arbeiter ausgesetzt sind. Im Februar, als wir unsere Kamera erstmals aufstellen, spüren wir die Verunsicherung in der Fabrik angesichts des massiven Umsatzeinbruchs und der Kurzarbeit von 50%. Ihrem Chef aber sprechen die Weberinnen und Weber in den Interviews ihr Vertrauen aus. Gunkel selber verbreitet allein aufgrund seines Naturells Optimismus und spielt alle Varianten einer Betriebsrettung durch: Von der Uebernahme der Produktion einer konkursiten Textilfirma über die gemeinsame Produktion mit einer anderen Weberei bis zur Uebernahme seines Betriebs durch einen Investor. Fressen oder gefressen werden.
Im Wochentakt zerschlägt sich ein Plan nach dem anderen. Ende April ist der umtriebige Patron an einem Tiefpunkt angelangt. Sein ohnehin kurzer Schlaf von fünf Stunden wird noch kürzer. Aeusserlich lässt er sich nicht viel anmerken, aber der Kontakt zu ihm wird schwieriger. Er hat jetzt natürlich andere Sorgen als das Filmprojekt. Es ist ihm wohl auch unangenehm, durch meine Interviews mit den ihn ohnehin quälenden Fragen konfrontiert zu werden. Ich rechne es Albert Gunkel aber hoch an, dass er auch in seinen dunkelsten Stunden offen über seine Gefühle spricht.
Als die ersten Kündigungen ausgesprochen werden müssen, opponieren Mitglieder der Geschäftsleitung gegen das Filmen von Betroffenen. Sie haben Angst, dass deren Gefühle verletzt würden. Es ist mir aber wichtig, auch die schwierigen Momente des Krisenjahres zu dokumentieren und mit den Gekündigten über ihre Situation reden zu können. Einige der Betroffenen sind dazu bereit: Sie sprechen über ihre mangelnden Deutschkenntnisse oder über die Sorge, einen Beruf erlernt zu haben, der in der Schweiz keine Zukunft mehr hat. Drei Monate nach der Entlassung haben die meisten noch keine neue Stelle gefunden. Damit gehören sie zu den 158‘000 Arbeitslosen in der Schweiz. Anzahl steigend.





