Archiv Sendung vom 31.08.2010
Schleudertrauma - alles nur Einbildung?
Ein Schleudertrauma kann für die Betroffenen die Hölle bedeuten. Die Versicherungen bezahlen Milliarden für Arbeitsausfall, Anwalts- und Arztkosten. Damit soll jetzt Schluss sein, fordern die Kritiker der Schweizer «Schleudertrauma-Kultur». Weil in den meisten Fällen keine Verletzung der Halswirbelsäule nachgewiesen werden könne, seien die Schmerzen andern Ursprungs und als Folge persönlicher, sozialer oder beruflicher Probleme zu sehen. Somit entfalle auch das Anrecht auf finanzielle Abgeltung. Die Schleudertrauma-Patienten sind entrüstet. Wie weiter im Streit um Wahrheit und Geld?
Unter der Leitung von Christine Maier diskutieren:
Evalotta Samuelsson, Präsidentin Schleudertraumaverband
Caroline Bono, Schleudertrauma-Patientin, Rechtsanwältin/Mediatorin SVM/BAFM
Peter Neuweiler, Schleudertrauma-Patient, Unternehmer
Erwin Murer, Prof. für Sozialversicherungsrecht Uni Freiburg
Rolf P. Steinegger, Rechtsanwalt
Andreas Siegenthaler, Oberarzt Schmerztherapie Inselspital Bern
Ausstrahlungsdaten
Dienstag, 31. August 2010, 22.25 Uhr, SF 1
Mittwoch, 01. September 2010, 03.00 Uhr, SF 1
Mittwoch, 01. September 2010, 11.00 Uhr SF info
Donnerstag, 02. September 2010, 04.05 Uhr, SF 1
Donnerstag, 02. September 2010, 12.40 Uhr, SF info
Samstag, 04. September 2010, 14.05 Uhr, SF 1
Zitate
Rolf P. Steinegger
zur Differenz zwischen Glaube und Fakten:
«Wenn man versucht gegen jede Evidenz Tatsachen zu behaupten und daraus Ansprüche abzuleiten, dann muss ein Glaube dahinter stecken. Die Schleudertraumapatienten glauben, dass ihre Beschwerden auf den Unfall zurückzuführen sind. Diese Symptome können aber aus verschiedensten anderen Gründen entstehen, die mit dem Unfall nichts zu tun haben.»
Evalotta Samuelsson
zur Zahlpflicht der Versicherungen:
«Ich anerkenne, dass andere Einflüsse als der reine Unfallvorgang bei der Chronifizierung der Beschwerden eine Rolle spielen. Wenn jedoch seitens der Versicherungen die Schmerzen im akuten Zustand anerkannt werden, ist es nicht logisch erklärbar, weshalb das ein Jahr später nicht mehr gelten soll. Ich sehe nicht ein, warum der Unfallverursacher hierfür nicht mehr aufkommen soll.»
Erwin Murer
zum Lebenshintergrund von chronischen Schmerzen:
«Ich bestreite, dass leichte Schleudertraumata zur Invalidität führen können. Chronische Schmerzen sind in diesen Fällen nicht ursächlich auf den Unfall zurückzuführen. Hier entsteht ein Mischsachverhalt: Wem es ohnehin schon schlecht geht, der konzentriert sich mehr auf den Schmerz als einer, dem es allgemein gut geht.»
Caroline Bono
zum Sparinteresse der Versicherungen:
«Mit dem Argument der Nicht-Objektivierbarkeit können die Versicherungen sehr viel Geld einsparen, darum geht es. Am Schluss bezahlt jedoch der Steuerzahler, weil sich die Kosten auf die Krankenkassen, die Invalidenversicherung oder die Sozialhilfe verlagern.»
Andreas Siegenthaler
zur Chronifizierung von Schmerzen:
«Es ist auch eine Frage der Einstellung, wenn Beschwerden von Schleudertraumapatienten zu chronischen werden. Entscheidend ist auch, wie etwa der Hausarzt mit dem Patienten umgeht. Wichtig ist, sachlich über die Schmerzen zu informieren und die Patientin zu aktiver Physiotherapie und einer raschen Rückkehr ins normale Leben zu motivieren.»
Peter Neuweiler
zum tiefen Lebenseinschnitt eines Schleudertraumas:
«Ich hatte vor dem Unfall ein zufriedenes Leben ohne Sorgen. Mit dem Unfall bin ich auf einen Schlag in ein Loch gefallen. Auch meine Mitmenschen sagen mir, ich hätte mich verändert. Es hat ganze zwei Jahre gedauert, bis es wieder bergauf ging, aber auch heute bin ich nicht mehr derselbe Mensch wie vor dem Unfall.»










