Archiv Sendung vom 04.08.2009
SF in der Alpenfestung – Wiederbelebung des Réduit-Mythos?
Das neue Living-History-Projekt von SF «Alpenfestung – Leben im Réduit» polarisiert. Es stösst auf grosse Anerkennung bei den Zuschauern, aber auch auf Kritik bei Historikern und armeekritischen Kreisen. Sie werfen dem Schweizer Fernsehen vor, den überholten Mythos zu beschwören, einzig die Armee hätte die Schweiz vor den Nazis gerettet. Im «Club» streiten Freund und Feind über Wirkung und Authentizität des TV-Projektes, in dem Freiwillige in einer Alpenfestung leben wie im Zweiten Weltkrieg.
Unter der Leitung von Röbi Koller diskutieren:
Ueli Haldimann, Chefredaktor SF
Georg Kreis, Geschichtsprofessor Uni Basel, Mitglied Bergier-Kommission
Nathalie Unternährer, Leiterin Nidwaldner Museum
Rudolf Jaun, Geschichtsprofessor Uni Zürich, Dozent für Militärgeschichte
Josef Lang, Nationalrat Grüne/ZG, Vorstand der Gruppe Schweiz ohne Armee GSoA
François de Capitani, Historiker, Kurator am Schweizerischen Landesmuseum
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Aussagen aus der Sendung: Ueli Haldimann
Beim Stichwort Réduit fallen alle reflexartig in Position von früher zurück. Réduit impliziert, die Schweiz sei dank der Armee vor dem 2. Weltkrieg verschont worden. Das akzeptiert man nicht und es wurde von der Bergier-Kommission auch deutlich wiederlegt.
Nie wurde etwas Derartiges in der Serie behauptet! Herr Kreis behauptet auch, man würde ein veraltetes Geschichtsbild wiederbeleben – ich sehe nicht ein, weshalb dies so sein soll. Das Réduit ist eine Tatsache - 100‘ 000 von Soldaten haben dort Dienst getan. Nicht darüber zu sprechen ist wie ein Denkverbot.
Josef Lang
Die Sendung ist ein Verhöhnung der 55 Mio. Opfer, welche der 2. Weltkrieg gekostet hat. Vergessen wir nicht, Nazis haben auch mit Schweizer Waffen gekämpft. Insbesondere ist es eine Verhöhnung der sechs Mio. Jüdinnen und Juden, welche systematisch umgebracht wurden. Vergesse wir auch da nicht, tausende Juden wurden an der Schweizer Grenze in den sicheren Tod geschickt. Es ist auch eine Beleidigung der damaligen Generation deren Ängste, die Härte und die Konflikte kommen in dieser Sendung nicht richtig zum Ausdruck.
Georg Kreis
Es wäre z. B. sehr sinnvoll, die Berichte der Feldprediger aus der Réduitzeit zu lesen. Auf diese Weise wüsste man, was die Menschen wirklich bewegt hat. Die Sendung stellt ein „Inselschweiz“ dar sowohl militärisch wie auch im Anbau – dies ist nur ein Teil der damaligen Realität. Das hier nun wieder ein isoliertes, abgekapseltes Bild dieser „Inselschweiz“ zeigt ist falsch.
François de Capitani
Die Leute (Sendeteilnehmer) sollen die damalige Zeit erleben – das geht nicht. Die Menschen erleben die heutige Zeit mit den technischen Möglichkeiten von 1940. Die Bedrohung während der Mobilmachung bringt man in einer Sendung nicht hin, das sind die Grenzen eines solchen Formats.
Nathalie Unternährer
Ich bin der Meinung, vor 20 Jahren hätte eine solche Sendung nicht stattfinden dürfen. In der letzten Zeit ist grosse Aufarbeitung geschehen mit dieser Bergier-Kommission. Wir wissen alles was geschah und auch wie verflochten die Schweiz war- politisch und auch wirtschaftlich etc. Darum muss man diese Sache immer wieder thematisieren und darüber reden.
Rudolf Jaun
Wir haben nun die Chance, an alle Akten und Unterlagen von sämtlichen Festungen aus dieser Zeit heranzukommen, dies möchte ich unterstützen. Die Geschichte des Réduits ist nicht geschrieben und wir haben auch die Chance alle Militärjustizurteile auszuwerten, ebenso die Tagebücher.









