25 Jahre Club - Interview
Ueli Heiniger: Rückblick auf 25 Jahre «Club»
1160 Sendungen mit 50 Moderatoren. Die ersten 6 Jahre open-end mit wechselnden Gastmoderatoren u.a. mit Peter Schellenberg, Peter Studer, Charles Clerc, Hans Räz. Zu den bekanntesten Köpfen mit langer Präsenz zählen Jörg Kachelmann, Ira Stamm, Ueli Schmezer, Sandra Lehmann, Matthias Aebischer. Aktuell wird die Sendung von Christine Maier und Röbi Koller moderiert.
Wer hat den «Zischtigsclub» erfunden?
Peter Schellenberg, damals noch nicht Fernsehdirektor, fuhr anfangs der 80er-Jahre zusammen mit André Picard nach Wien zum ORF, um zu beobachten, wie die damalige Hipsendung «Club 2» produziert wurde. Sie hatten die Absicht, diese eins zu eins im Schweizer Fernsehen für intellektuelle Nachtvögel zu kopieren.
Du warst folglich nicht von Anfang an dabei?
Ich habe den «Zischtigsclub» 1990 übernommen, habe seine Geburt 1985 aber dennoch hautnah miterlebt. Zusammen mit André Picard habe ich zuvor jahrelang in einer Doppelmoderation die Sendung «Medienkritik» moderiert. Diese wurde später als «Medienclub» in den «Zischtigsclub» integriert.
Warum gehörten Trinken und Rauchen zur Diskussionskultur?
Das Club-Konzept war ein österreichisches. Die Gäste sassen in Ohrensesseln neben Stehlampen wie in der guten alten Stube. In solchen Sesseln zu hängen um einschläfernd Gemeinheiten loszuwerden – was man als Schmäh bezeichnet – liegt den Österreichern. Die Schweizer sind nicht derart eloquent, kommen nicht so schnell zur Sache. Mit ein bisschen Benzin in Form von Wein kamen sie besser in Form. Der Intellektuelle von damals hat dazu auch noch geraucht. Und weil es oft lange dauerte, bis wir endlich mit der Live-Sendung beginnen konnten, mussten viele schon vorher etwas in der Kantine trinken, sodass einige „en pleine forme“ in die Sendung einstiegen.
Wurde wirklich open-end diskutiert?
Das ursprüngliche Konzept sah eine Diskussion mit offenem Ende und wechselnden Gast-Moderatoren vor. Die Sendungen konnten bis drei Stunden dauern. Das hatte allerdings den Nachteil, dass die Gastgeber ausladend ins Thema einführten und viele Diskussionsteilnehmer sich lange zurückhielten, weil sie dachten, sie hätten noch genügend Zeit, um ihre Weisheiten loszuwerden. Als ich die Sendung 1990 übernahm, habe ich das Open-End und die stets wechselnden Gastgeber abgeschafft.
Was gab den Ausschlag zu einer neuen Diskussionssendung im Schweizer Fernsehen?
Den Intellektuellen, den kritischen Bürgern und dem freien Wort sollte eine Bühne geboten werden. Man wollte die Fernsehgesetze mit all ihren Einschränkungen sprengen. Es war fast ein Aufschrei gegen die Korsette bestehender Diskussionssendungen. Ich erinnere mich noch, dass uns - Picard und mich - die Sendung «Les oiseaux de la nuit», die Nachtvögel, im französischen Fernsehen inspiriert hat. Da konnten die schrägsten Ideen ausgebreitet werden.
Waren die Intellektuellen das Zielpublikum?
An das Zielpublikum hat man glaub ich gar nicht gedacht. Man ging davon aus, dass diejenigen, die uns zuschauen, uns so wollen, wie wir sind, nicht zuletzt weil die Sendung so spät angesetzt war. Wir mussten uns keinem Zielpublikum andienen. Es gehörte zum Beispiel auch zum Konzept, dass sich der Moderator und die Diskussionsteilnehmer nicht schminken sollten. Man konnte ungeschminkt, absolut unrasiert, mit wilden Frisuren auftreten, im Stil etwa von Serge Gainsbourg.
Kannte man den Begriff der Bildschirmtauglichkeit?
Man hat sich darum foutiert und bewusst dagegen verstossen. Es war allerdings eine Illusion zu glauben, man könne sich über die Gesetzmässigkeiten des Fernsehens hinwegsetzen. Tatsache war, dass viele im Nachhinein gesagt haben, dass sie wie Speckschwarten über den Schirm gekommen seien und nie mehr ungeschminkt auftreten würden. Tatsache ist auch, dass einige Sendungen meilenweit an den Interessen der Zuschauerinnen und Zuschauer vorbeischrammten.
Entsprachen die archaischen Rituale im «Zischtigsclub» dem Zeitgeist?
Der «Zischtigsclub» war wohl eine Spätfolge der 68er-Bewegung. Man wollte die Inhalte und die formalen Gesetze sprengen. La phantasie au pouvoir. Das führte allerdings dazu, dass in der Presse immer wieder die Abschaffung dieser Diskussionssendung gefordert wurde. Insbesondere der sogenannte «Hofer-Club» führte einen unerbittlichen Kampf gegen das aus seiner Sicht linke Fernsehen. Den Chef dieses Clubs, Geschichtsprofessors Walther Hofer, eigentlich ein hochgescheiter, origineller Kopf, hab ich später mehrmals in den «Zischtigsclub» eingeladen.
Es gibt den «Zischtigsclub» seit 25 Jahren – was ist das Geheimnis dieses Erfolgs?
Es ist vermutlich einfach. Die Menschen diskutieren gerne. Sie wollen über das, was sie bewegt, reden. Sie wollen nicht nur einsam und egoistisch im designten Kämmerlein schmoren. Wenn es diese Diskussionssendung im Fernsehen nicht gäbe, wären die Menschen wahrscheinlich noch mehr beim Psychiater.
Welches waren deine Lieblingsthemen?
Ich hoffe, dass das nicht zynisch tönt, aber ausgesprochen gerne habe ich Diskussionssendungen gemacht nach schweren existenziellen Ereignissen: Naturkatastrophen, Lawinenwinter, Überschwemmungen. Aber auch psychische Dramen haben mich zu Diskussionen im «Zischtigsclub» bewegt, weil dann immer Menschen zu mir kamen, die echt betroffen und engagiert waren.
Was hat sich bei der Themenwahl in den vergangenen 25 Jahren verändert?
Den Begriff der Einschaltquote gab es lange Zeit kaum. Ich glaube, heute werden Themen mehr mit Blick darauf ausgesucht. Und das ist auch richtig so. Schliesslich ist es für einen Wirt frustrierend, aus der Küche in ein leeres Restaurant zu blicken und den Pleitegeier kreisen zu sehen. Als ich den «Zischtigsclub» übernahm, wusste ich bereits aus Erfahrung, welche Themen mehr Quoten bringen als andere. Allerdings muss man aufpassen, dass es nicht zu einem Wiederholungseffekt bezüglich Themen und prominenten Köpfen kommt. Weil die geschriebene Presse nach dem gleichen Mainstream-Prinzip funktioniert, nimmt sie das gerne auf und potenziert damit den Kopf wie auch das Thema. Ich bin überzeugt, dass eine Sendung wie der «Club» sein Profil, seine Seele bewahren wird, wenn sie - wie bis anhin - neben der Quote, die ja die Beachtung misst, immer auch die Relevanz und den intellektuellen Anspruch zum Auswahlkriterium nimmt.
Was sonst können wir aus der Geschichte des «Zischtigsclub» lernen?
Ich glaube, der «Zischtigsclub»-Gast, der wie ein Prophet im Alten Testament auftritt, um dem «doofen» Fernsehzuschauer wieder mal die Leviten zu lesen, ist definitiv von gestern. Im Gegensatz zu früher kommen heute viel mehr Leute in Diskussionssendungen, die bezüglich Rhetorik und Argumentation bestens geschult sind und ganz genau wissen, was sie rüber bringen wollen. Deshalb müssen heute auch die Moderatorinnen und Moderatoren mehr wissen und geschult werden, mit welch raffinierten Tricks Akteure aus Politik, Wirtschaft und Religion auftreten (z.B. Islamisten, die den Jjhad zum Widerstand gegen den Kapitalismus umdeuten), um dem sofort die Spitze brechen zu können.
Gab es unvergessliche Highlights in deiner Karriere als «Zischtigsclub»-Moderator?
Da gehen mir viele Erinnerungen durch den Kopf. Es waren primär Persönlichkeiten mit einer grossen Aura und Überzeugung, die mich nachhaltig beeindruckt haben und weniger die Themen. Zum Beispiel erinnere ich mich an Erika Rothschild, eine Überlebende von Auschwitz. Dann gab es Politiker, bei denen es mir noch heute weh tut, dass sie nicht Bundesrat geworden sind wie Franz Steinegger. Oder Personen der Zeitgeschichte wie Paul Parin, die ich als Moderator kennen lernen durfte.
Hat der «Zischtigsclub» eine Zukunft?
Ja, das ist unbestritten. Es wird wohl keinen «Zischtigsclub» mit 40% Marktanteil mehr geben, aber es wird dieses Forum immer brauchen, um Themen einer Gesellschaft, die sich auseinander entwickelt, aufzugreifen. Es besteht allerdings das Risiko, dass Konflikte nur noch in effektvollen Pro-und-Contra-Diskussionen abgehandelt werden. Gesellschaftspolitisch wichtige Themen sollten auch analytisch diskutiert werden können.
Und, wenn ich das noch sagen darf: Ich habe immer auf der Sprachgrenze gewohnt. Ich habe deshalb versucht, die Themen der burgundischen Schweiz in den «Zischtigsclub» zu bringen. Ich hoffe, das bleibe weiterhin möglich und die Mörgelis und Köppels würden den Nicht-Zürchern die Welt lediglich in homöopathischer Dosierung erklären.
5. Mai 2010





